Korschenbroich: Ein Kind der Fohlen-Ära

Korschenbroich: Ein Kind der Fohlen-Ära

Die Profis von Borussia Mönchengladbach waren einst Stammgäste im Restaurant "Zur Traube". Wilhelm Kohlen, Sohn von Inhaberin Christel Kohlen, erinnert sich an verschwundene Meisterschalen und vergessene Torhüter.

Kleinenbroich Vor Kevin Keegan hatte Wilhelm Kohlen gehörigen Respekt. Als der HSV-Stürmer damals, 1979, an der Theke des Kleinenbroicher Restaurants "Zur Traube" stand, traute sich Kohlen kaum, ihn anzusprechen. Keegan war so etwas wie heute Franck Ribéry oder Arjen Robben, ein Superstar der Bundesliga, und Wilhelm Kohlen war gerade 14 Jahre alt. Das Restaurant, das damals noch von seinem Vater Heinz-Wilhelm Kohlen geführt wurde, zog die Fußballstars wie magisch an – allen voran die Borussen aus Mönchengladbach. So wie an jenem Abend des 15. Mai 1979: Da gab Berti Vogts sein Abschiedsspiel und feierte anschließend mit 300 Gästen in der Kleinenbroicher Traditions-Gaststätte.

Wilhelm Kohlen hat viele Erinnerungen an jene Zeit. Im Gästebuch haben sich die Stars von einst verewigt, in Fotoalben sammeln sich Schnappschüsse von den Fußball-Berühmtheiten, die in den 70er und 80er Jahren im Restaurant an der Von-Randerath-Straße fast zur Familie zählten. "Ich bin mit Borussia aufgewachsen. Diese Liebe ist geblieben", sagt Kohlen. Der 44-Jährige war so nah dran wie kaum ein anderer an der glorreichen Borussen-Zeit in den 70er Jahren, die als "Fohlen-Ära" in die Fußball-Historie eingegangen ist.

Mehr noch: Wilhelm Kohlen hat Geschichten zu erzählen, die man sich in der heutigen Bundesliga kaum noch vorstellen kann. Da ist zum Beispiel die Sache mit der verschwundenen Meisterschale. Die Gladbacher feierten ihren Titel abends im Dorint-Hotel. Zu vorgerückter Stunde tauchte ein Borusse bei Familie Kohlen auf, die Trophäe im Gepäck. Wilhelm Kohlens Eltern saßen mit Freunden aus Köln auf ihrer Terrasse, der Borusse frotzelte: "Das ist die Schale, die der 1.FC Köln so gerne gehabt hätte." Zusammen feierte man, es wurde ein feuchtfröhlicher Abend. An dessen Ende packte sich einer der Kölner die Meisterschale und nahm sie mit in die Domstadt. Ein Spaß, ein Schabernack – weil er die Borussen ebenfalls schätzte. In Mönchengladbach ging am nächsten Tag die Suche los. Bis sich der Kölner meldete und das begehrte Stück zurückbrachte. Frei nach dem Motto: "Jetzt haben wir die Schale doch noch in der Domstadt gehabt – wenn auch nur für eine Nacht."

Torhüter Wolfgang Kleff hatte es Heinz-Wilhelm Kohlen gar zu verdanken, dass er einmal noch rechtzeitig zum Bundesligaspiel kam. Der Fahrer des Mannschaftsbusses hatte Kleff bei der Abfahrt zum Spiel glatt im Restaurant vergessen – weil dieser auf Toilette war. Heinz-Wilhelm Kohlen schnappte sich den Torhüter und fuhr dem Mannschaftsbus mit dem Auto hinterher. Auf der Autobahn holte er ihn ein.

Auch wenn die Borussen am Freitag nicht mehr ins Restaurant "Zur Traube" strömen, ist Wilhelm Kohlens Leidenschaft geblieben. Er sieht so viele Gladbacher Spiele wie möglich. Als Fan, mit unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck.

(NGZ)