Sportpolitik : Dringend gesucht: Ehrenamtler

Ein Drittel der Sportvereine in Nordrhein-Westfalen fühlt sich in ihrer Existenz bedroht. Hauptproblem: fehlendes ehrenamtliches Engagement. Veronika Rücker vom Deutschen Olympischen Sportbund empfiehlt, sich vom klassischen Vorstandsmodell zu verabschieden.

Dem klassischen Sport geht es an den Kragen: Sponsoren und Gönner schränken ihre Förderung ein, die demographische Entwicklung mit einem deutlich spürbaren Geburtenrückgang lässt für das nächste Jahrzehnt einen Rückgang der Mitgliederzahlen um mindestens elf Prozent erwarten.

In der Altersgruppe der 7- bis 14-Jährigen droht sogar ein Minus von 20 Prozent. Dabei ist das diejenige mit dem höchsten "Organisationsgrad" überhaupt – 82 Prozent aller Jungen und 63 Prozent aller Mädchen in diesem Alter sind in Deutschland Mitglied in einem Sportverein (bei der Gesamtbevölkerung liegen diese Zahlen bei 35,6 beziehungsweise 22,7 Prozent).

Kein Wunder, dass in vielen Vereinen und Verbänden Weltuntergangsstimmung herrscht: Ein Drittel aller Sportvereine in Nordrhein-Westfalen, so hat die gerade veröffentliche Sportstudie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) herausgefunden, fühlt sich in ihrer Existenz bedroht.

Hauptgrund, noch vor dem Fehlen geeigneter Sportstätten oder deren mangelhaftem Zustand, sei das Problem der "Bindung und Gewinnung von ehrenamtlichen Funktionsträgern", sagt Veronika Rücker. Das sei alarmierend, findet die Sportwissenschaftlerin an der Führungsakademie des DOSB. Denn allgemein, zum Beispiel bei Kirchen und Sozialverbänden, nehme die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement zu, nur im Sport sei die Tendenz rückläufig. Weshalb, sei bislang noch nicht hinreichend erforscht. Ein Allheilmittel dagegen konnte (und wollte) Rücker den Delegierten auf der Mitgliederversammlung des Kreissportbundes nicht nennen: "Es gibt keine pauschalen Lösungen", sagt sie, "sondern nur individuelle für jeden Verein."

Ihre Empfehlung: Sich von "erfahrenen und traditionsbehafteten Verhaltensmustern" zu trennen und neue Modelle zu entwickeln: "Arbeiten Sie mehr projektbezogen", rät sie den Vereinsfunktionären. Zum Beispiel ließen sich eher Eltern finden, um ein Turnier zu organisieren, als gleich für ein Jahr die Position des Jugendwarts zu übernehmen: "Zumal oftmals auch nicht klar definiert ist, welche Aufgaben mit solchen Vorstandsämtern genau verbunden sind."

Die klassischen Vorstandsmitglieder müssten sich künftig mehr und mehr aus dem "operativen Geschäft" heraushalten und stattdessen "Ehrenamtsmanagement" betreiben. Soll heißen: Die engagierten, aber nicht in ein Amt gewählten Mitarbeiter führen und lenken.

Doch es sind nicht allein fehlende Ehrenamtler, die den Sportvereinen zu schaffen machen: Die Gewinnung von jugendlichen Leistungssportlern, von Übungsleitern und Trainern und die Akquirierung neuer Mitglieder stehen als weitere Punkte auf der Sorgen-Hitliste ganz oben. Wobei ein neues Problem immer mehr an Bedeutung gewinnt: die Kosten des Wettkampfbetriebs. Veronika Rücker empfiehlt, dem mit der Bündelung von Kräften entgegen zu wirken: "Denken Sie mehr über die Bildung von Spielgemeinschaften, über Zusammenarbeit oder Fusionen nach." Sonst geht es dem Sport wirklich an den Kragen.

(NGZ)