Dormagener Handballer führt das US-Nationalteam

Handball: Sein halbes Herz schlägt für die USA

Bayer-Handballer Ian Hüter ist Kapitän der US-Nationalmannschaft und qualifiziert sich mit ihr für die Panamerikanischen Spiele.

Wohl dem, der zwei Pässe besitzt. Mit 19 Jahren durfte Ian Hüter ein paar Erfahrungen in der deutschen Junioren-Nationalmannschaft sammeln, mit 20 ist der Neusser, der seit einem Jahrzehnt das Trikot des TSV Bayer Dormagen trägt, Kapitän des US-Nationalteams. Und qualifizierte sich mit dem in seinen ersten beiden Länderspielen gleich für die Panamerikanischen Spiele, das Gegenstück zu unseren Europameisterschaften, die im Juli kommenden Jahres in Peru ausgetragen werden.

Klingt wie ein Handball-Märchen, ist aber tatsächlich geschehen. Denn die US-Amerikaner setzen beim x-ten Versuch, den Handball in ihrem Land populär zu machen, auf Hilfe der Europäer. Die tun das nicht ganz uneigennützig, denn der Sportart droht das Aus als olympische Disziplin, wenn sie nicht weltweit praktiziert wird. Und Nordamerika ist bislang ein weißer Fleck. Ian Hüter will helfen, das zu ändern. „Es ging alles ganz schnell,“ sagt der angehende Versicherungskaufmann, Sohn einer amerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters, in den USA geboren und regelmäßig dort zu Gast, weil seine Großeltern in San Francisco leben.

Ein Glücksfall für Robert Hedin. Der Schwede, der in der Bundesliga für GWD Minden spielte, später Trainer in Nettelstedt und Melsungen war, ist seit diesem Sommer Coach des US-Männerteams. Erste Maßnahme: ein Trainingslager in Dormagen. Die Kontakte dorthin hatte sein Co-Trainer Mark Ortega geknüpft, vor einem Jahrzehnt des Handballs wegen aus den USA nach Europa gekommen und nach einem Probetraining beim TSV Bayer Dormagen schließlich beim Pulheimer SC gelandet. Dass beim Zweitliga-Neuling ein Brüderpaar spielt, das im Besitz eines US-Passes ist, sprach sich dann schnell herum. Die Reise nach Auburn/Alabama trat dann aber nur Ian Hüter an. Sein zwei Jahre älterer Bruder Patrick verzichtete, weil er in seinem BWL-Studium zwei wichtige Klausuren schreiben musste.

„Aber auch für ihn ist das US-Team eine Option,“ sagt Ian Hüter, „vielleicht schon beim nächsten Trainingslager, das im Oktober geplant ist.“ Zumal die US-Boys einen weiteren Kreisläufer gut gebrauchen können. Die beiden Spieler, die sich derzeit diese Position teilen, sind im Rhein-Kreis gleichfalls keine Unbekannten: Antoine Baup trug einst das Trikot des TV Korschenbroich, Paul Skorupa gehört zum Nachwuchskader der Rhein Vikings. Überhaupt ist das Aufgebot von Robert Hedin blutjung, nur Gary Hines bringt mit seinen 36 Jahren reichlich Erfahrung mit. „Aber es macht Spaß, die Jugend aufzubauen, sie sind unsere Zukunft,“ sagt der Nationalcoach.

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Die Gegenwart bescherte einen 32:24-Sieg (Halbzeit 18:14) und ein 27:27-Unentschieden (Halbzeit 16:10) gegen Kanada. Damit qualifizierten sich die USA für die Panamerikanischen Spiele, bei denen sie im nächsten Jahr das Olympiaticket für Tokio 2020 lösen könnten, sich dafür aber gegen die stärker einzuschätzenden Teams aus Südamerika durchsetzen müssten. Ian Hüter sagt offen: „Das Niveau war überraschend gut. Es ist nicht so, als ob die da überhaupt keinen Handball spielen könnten.“ In der Dritten Liga könne das US-Nationalteam locker mithalten, glaubt der Kapitän, der nach übereinstimmenden Berichten in beiden Spielen der herausragende Akteur war. „Und es ist noch steigerungsfähig, denn die Mannschaft ist ja komplett neu zusammen gestellt,“ sagt Ian Hüter. Mittelfristig wollen sich die US-Boys für Olympia 2024 in Paris qualifizieren, vier Jahre später bei den Spielen in Los Angeles sind sie als Gastgeber ohnehin dabei.

Ian Hüter wäre dann 30, mithin im besten Handballalter. „Klar ist das ein Ziel,“ sagt er lachend, „vielleicht klappt es ja auch schon früher.“ Das vorrangige Ziel für den Mittelmann ist freilich, sich mit dem TSV Bayer Dormagen in der Zweiten Liga zu etablieren. „Ich denke, die ersten Spiele haben gezeigt, dass wir nicht chancenlos sind,“ sagt Hüter und denkt dabei vor allem an den Auftritt beim TV Hüttenberg, der mit 30:29 den ersten Sieg nach dem Aufstieg bescherte. „In der ersten Halbzeit und phasenweise auch nach der Pause haben wir Super-Handball gespielt,“ findet der 20-Jährige, sieht aber auch noch Steigerungspotenzial: „Am Ende waren wir nicht clever genug, das müssen wir noch lernen.“

Am besten schon bis zum heutigen Samstagabend, wenn es im zweiten Heimspiel der Saison gegen den Wilhelmshavener HV geht (Anwurf um 19.30 Uhr im TSV-Bayer-Sportcenter). Ian Hüter stellt sich auf ein enges Spiel ein, „da müssen wir 120 Prozent geben, um erfolgreich zu sein.“ In seinen Augen eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn „Zufriedenheit ist unser größter Feind,“ sagt der 20-Jährige. Was als Motto auch für die Bemühungen gelten könnte, Handball in den USA populärer zu machen.