Dormagener Fechter bei Europameisterschaft

Fechten: Säbelfechter kämpfen um den Anschluss

Auch Titelverteidiger Max Hartung zählt bei der EM in Novi Sad nicht automatisch zu den Kandidaten auf eine Medaille.

 Anna Limbach und Lea Krüger sind die ersten, die im Sportzentrum Spens auf die Planche müssen. Am Samstag ab 9 Uhr steht der Einzelwettbewerb der Säbelfechterinnen auf dem Zeitplan der Europameisterschaften, die bis Donnerstag  im serbischen Novi Sad ausgetragen werden, ab 18 Uhr geht es bereits um die Medaillen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Dormagenerinnen dann noch im Rennen sind, ist eher gering. Bei Lea Krüger (22), für die verletzte Ann-Sophie Kindler (TSG Eislingen) nachnominiert,  steht der „Lerneffekt“ im Vordergrund. Anna Limbach, mit 28 Jahren die erfahrenste im Aufgebot von Bundestrainer Pierre Guichot, steht symbolisch für die Erwartungen, die der TSV Bayer Dormagen an diese europäischen Titelkämpfe knüpft: „Bei ihr ist es genau wie bei unseren Fechtern“, sagt Fecht-Koordinator Olaf Kawald, „sie kann vorne mitmischen, aber sie ist deshalb nicht automatisch eine Medaillenkandidatin.“ Was in gleicher Weise für den als Titelverteidiger anreisenden Max Hartung, den Europameister von 2015, Benedikt Wagner (beide 28), den Olympiaachten von Rio, Matyas Szabo (26) und den mit seinen 25 Jahren jüngsten im Team Richard Hübers gilt.

Früher war das anders. Wo die Dormagener Säbelfechter in den vergangenen zehn Jahren auch hinreisten, galten sie als sicherer Anwärter auf einen Podiumsplatz. Nicolas Limbach (32), der Einzel-Weltmeister von 2009, inzwischen im fechterischen Ruhestand angekommen, führte über Jahre die Weltrangliste an. In der wird Max Hartung als mit Abstand bester Deutscher auf Rang zehn geführt, Anna Limbach ist Neunte. Nun wird am Höhenberg sicher nicht weniger oder gar schlechter trainiert als während der „goldenen Zeiten“.

  • Lokalsport : Fecht-WM: Nur Lea Krüger ist schon ausgeschieden

Die Gründe, weshalb die Erfolge sich nicht mehr automatisch einstellen, sind vielschichtiger Natur. Der entscheidende: „Die Leistungsdichte hat in den vergangenen Jahren wahnsinnig zugenommen,“ sagt Kawald. Das gilt für Weltmeisterschaften in noch viel größerem Maße als für die kontinentalen Titelkämpfe, „vor allem in Asien werden ungeheure Anstrengungen unternommen, uns Europäer in allen möglichen Sportarten zu überflügeln, auch im Fechten“, weiß der Dormagener Fechtkoordinator. Das führt dazu, dass Südkorea in der laufenden Saison bislang alle Team-Weltcups bis auf einen gewonnen hat – die einzige Niederlage setzte es gegen die deutsche Equipe. Und in Ali Pakdaman (9.) steht erstmals ein Fechter aus dem Iran in der Einzel-Weltrangliste vor dem besten Deutschen.

In den Augen von Olaf Kawald hat das mit Zweierlei zu tun: mit Geld und (fehlenden) Strukturen. Denn neben den Ländern mit „Staatssport“, zu denen im Fechten neben Russland und Korea auch Italien zählt, kommen inzwischen jene mit dem hinzu, was er „Businesssport“ nennt. In denen werden gut ausgebildete Trainer oder ganze Akademien von Sponsoren „oder gut betuchten Eltern“ bezahlt. Deutschland droht da den Anschluss zu verlieren. „Wir stecken nicht nur nicht genügend Geld in die Sportförderung, wir sind doch gerade dabei, unsere Strukturen durch eine Leistungssportreform, die nicht von der Stelle kommt, selbst zu zerlegen,“ kritisiert der Dormagener, der auch Fachbereichsleiter Säbel beim Deutschen Fechterbund ist.

Gleichwohl peilen die vier Musketiere in Novi Sad eine Medaille (oder mehrere) an. „Alle vier haben das Zeug, ganz vorne mitzufechten“, schätzt Kawald die Erfolgsaussichten  des Dormagener Quartetts ein. Das sich neben der Einzelkonkurrenz am Montag besonders auf den Teamwettbewerb am letzten Tag der Titelkämpfe (21. Juni) konzentriert. Denn dessen Ergebnisse fließen bereits in die Rangliste für die Olympiaqualifikation 2020 mit ein. Der Auftrag für die Schützlinge von Bundestrainer Vilmos Szabo ist klar gesteckt: „Wir müssen von diesem verdammten siebten Platz runter,“ sagt Kawald. Diese Position auf der Weltrangliste lässt die Deutschen nämlich bei allen Turnieren allzu früh auf die „kaum schlagbaren“ (Kawald) Koreaner oder Russen treffen. Je weiter das Team kommt, desto mehr Punkte gibt es aber für die Rangliste – ein Teufelskreis, den es in Novi Sad zu durchbrechen gilt.

Mehr von RP ONLINE