Fechten : Dormagener Fechter als Vorbild

Aufgefallen Die Säbelmannschaft, die am Wochenende endgültig das Ticket für die Olympischen Spiele in London löste, bestand nur aus TSV-Athleten. Das "Dormagener-Modell" gilt inzwischen richtungsweisend.

Früher war sowieso alles anders. Auch im Fechten. Wer früher in Deutschland "Fechten" sagte, der meinte Tauberbischofsheim. Ja, das beschauliche Städtchen an der Tauber hat seinen Platz auf der Landkarte überhaupt erst durch die Erfolge definiert, die seine Fechter unter Anleitung des ebenso charismatischen wie umstrittenen "Goldschmieds" Emil Beck errangen. "Wer heute in Deutschland über Fechten spricht, für den führt kein Weg an Dormagen vorbei", sagt Michael Scharf. Jüngster Beleg: Die Säbelmannschaft, die am Wochenende beim Weltcupturnier im italienischen Padua endgültig die Olympiafahrkarte für den Deutschen Fechterbund (DeFB) löste, bestand ausschließlich aus Aktiven des TSV Bayer Dormagen.

Der Leiter des Olympiastützpunktes Rheinland geht sogar soweit, das "Dormagener Modell" als richtungweisend für andere Sportarten anzusehen und anzupreisen. Das "Modell" sieht nicht nur eine enge Verzahnung zwischen Schule und Leistungssport vor. (Fast) alle Dormagener Fechter haben vom Teilzeitinternat am Höhenberg profitiert, mittlerweile nutzen die "Säbler" auch intensiv die Möglichkeiten des Vollinternats am Norbert-Gymnasium Knechtsteden, das nicht nur Richard Hübers, vor zwei Jahren Bronzemedaillengewinner bei den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur, besucht. Das "Modell" basiert vor allem auf der Arbeit hoch qualifizierter Trainer. In Gestalt von Vilmos Szabo (Herren), Eero Lehmann (Damen) und Olaf Kawald (Nachwuchs) sind gleich drei Bundestrainer des DeFB beim TSV Bayer Dormagen angestellt. "Das wichtigste für einen Verein ist, in seine Trainer zu investieren", sagt Scharf, "wo gute Trainer arbeiten, kommen gute Sportler von ganz allein." Und gute, vor allem erfolgreiche Sportler, üben eine Sogwirkung auf den Nachwuchs aus: "Zu uns kommen doch nicht auf einmal so viele Kinder, weil sie Fechten ganz toll finden, sondern weil sie alle wie Nicolas Limbach werden wollen", sagt Vilmos Szabo, der den einzigen Säbelfechter der Welt, der jemals bei vier aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften eine Medaille (ein Mal Gold, zwei Mal Silber, ein Mal Bronze) gewann, von klein auf betreut. Dabei ist Dormagen im Gegensatz zu Tauberbischofsheim nicht einmal Bundesstützpunkt, sondern firmieren "nur" als Außenstelle. Der offizielle Leistungsstützpunkt ist weiterhin im Bonner Nordpark angesiedelt.

Michael Scharf, der dort zu seinen aktiven Zeiten als Moderner Fünfkämpfer selbst sein Fechttraining absolvierte, hält das für einen "auf Dauer suboptimalen Zustand". Doch er weiß: "In Bonn gibt es ganz andere räumliche Voraussetzungen." Am Dormagener Höhenberg hingegen stoßen sie bereits mit dem "normalen" Vereinstraining an ihre Kapazitätsgrenzen. Vielleicht, so hofft jedenfalls Jürgen Steinmetz, stellvertretender Landrat und Sportdezernent des Rhein-Kreises, bringt ja die Anerkennung des Rhein-Kreises als offizieller "NRW-Leistungsstützpunkt" einen Schub für den seit langem gehegten Wunsch nach Aus- oder Neubau einer Fechthalle. "Mit dem Bau der Ringerhalle in Dormagen haben wir ja ein dahingehendes Zeichen gesetzt", sagt Steinmetz.

Vielleicht kommt ja jetzt aus einer ganz anderen Ecke Bewegung in die Sportstättendiskussion. Sollten die Pläne der "Handballehe" zwischen Dormagen und Düsseldorf und damit einhergehend einer neuen Multifunktionshalle (zum Beispiel am Standort Neuss) reifen, ließe sich das TSV-Sportcenter möglicherweise zum Fechtstützpunkt umbauen. Brächten Nicolas Limbach und/oder seine Teamkollegen aus London eine Medaille mit, wäre das ein Pfund, mit dem der Rhein-Kreis wuchern könnte – zumal die Aussichten auf Edelmetall in den anderen Fechtdisziplinen eher bescheiden sind. Denn dann führt am Höhenberg wirklich kein Weg mehr vorbei.

(NGZ)