Zwei Jahre Krieg in der Ukraine Zwischen Krieg, Normalität und Träumen

Holzbüttgen · Über den Tischtennissport bekam die Familie Yevtodii Kontakt nach Holzbüttgen. Von den drei Schwestern, die zunächst in Kaarst lebten, sind zwei inzwischen Dauerhaft nach Odessa zurückgekehrt.

Familie Yevtodii bei einem Besuch in Holzbüttgen vor Karneval 2024: (v.l.) Mutter Tatyana, Iolanta, Vater Viktor, Diana und Iryna.

Familie Yevtodii bei einem Besuch in Holzbüttgen vor Karneval 2024: (v.l.) Mutter Tatyana, Iolanta, Vater Viktor, Diana und Iryna.

Foto: Rust

Iolanta Yevtodii spielt aktuell für die Ukraine bei den Tischtennis-Weltmeisterschaften für Mannschaften im südkoreanischen Busan. Die 19-Jährige aus der Drittliga-Mannschaft der DJK Holzbüttgen trägt das blau-gelbe Nationaltrikot ihres Heimatlandes voller Stolz. Sie versucht, alles dafür zu tun, sich ihre sportlichen Träume so gut es geht zu erfüllen. Tatsächlich gelingt ihr das bisher auch überraschend gut, in einer Zeit, in der in ihrem Heimatland seit dem 24. Februar 2022 so gut wie nichts mehr so ist wie zuvor. Vor genau zwei Jahren begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die ersten Raketen flogen auf das Land.

Da war bei Familie Yevtodii die Angst groß. Bis dahin hatten Iolanta und ihre beiden älteren Schwestern Diana und Iryna zusammen mit ihren Eltern ein sorgenfreies Leben in Odessa geführt. Sie nennen ihre Heimatstadt selbst die „Perle am Schwarzen Meer“. Dann wurde schlagartig alles anders. Als die ersten Bomben am Militärflughafen ihrer Heimatstadt Odessa fielen, entschieden sich die drei Schwestern nach Beratung mit den Eltern zur Flucht. Das war keine einfache Entscheidung, weil sie nicht nur ihre Familie und Freunde zurücklassen mussten, sondern von heute auf morgen ihre Arbeit und ihr Studium verloren haben. Iryna und Diana hatten einen guten Job am Flughafen von Odessa. Sie waren für den VIP-Bereich zuständig, wo sie neben Schauspielern und Musikern zum Beispiel auch die Bekanntschaft mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski gemacht haben. Es half nichts, die Töchter sollten in Sicherheit gebracht werden, raus aus ihrer geliebten Stadt, weg von ihren Eltern und Freunden. Da gab es den Kontakt zur DJK Holzbüttgen in Kaarst. Der war über die frühere ukrainische DJK-Spielerin Valerija Mühlbach zustande gekommen. Iolanta sollte ihre Nachfolgerin im Verein werden. Viel früher als eigentlich geplant, lernte die damals noch 17-Jährige den kleinen Ort Holzbüttgen im Rhein-Kreis Neuss kennen. Sie traf dort im Frühjahr 2022 gemeinsam mit ihren Schwestern nach einer längeren, zweitägigen Tortur mit Bussen und Bahnen ein. Für alle drei stand fest: Jetzt fängt ein neues völlig ungewisses Leben an.

 Für einige Spiele kommt Iolanta Yevtodii in der aktuellen Saison nach Deutschland, um in der Dritten Liga Nord für die DJK Holzbüttgen zu spielen.

Für einige Spiele kommt Iolanta Yevtodii in der aktuellen Saison nach Deutschland, um in der Dritten Liga Nord für die DJK Holzbüttgen zu spielen.

Foto: Rust

Eine Gruppe von Vereinsmitgliedern der DJK Holzbüttgen hat sich sofort um die Neuankömmlinge gekümmert: „Wir sind sehr herzlich aufgenommen worden. Die Menschen sorgen sich rührend um uns“, sagte Diana Yevtodii damals. Der Verein besorgte eine Wohnung, in der die drei Schwestern fortan in einer Wohngemeinschaft zusammen lebten. Alle drei lernten Deutsch, die beiden Tischtennis-Spielerinnen Iolanta und Diana waren seitdem viel in der Sporthalle am Bruchweg zu sehen. Iryna war Handballerin, musste da aber wegen einer Verletzung pausieren. Den Kontakt in ihre Heimat hielten sie hauptsächlich über ihre Handys. Im Dezember 2022 gab es dann das erste große Wiedersehen. Zunächst waren die Eltern Tatyana und Viktor zu Besuch in Kaarst, dann reiste die Familie geschlossen nach Odessa, um trotz aller Wirren dort gemeinsam das Weihnachtsfest zu feiern. Die gesamte Familie Yevtodii hatte schon da den klaren Vorsatz, sich von dem Kriegsgeschehen in ihrer geliebten Heimat nicht unterkriegen zu lassen.

Das Fest in der Ukraine fiel aber deutlich kleiner aus als in den Jahren davor. Auf die großen Partys wurde verzichtet. Danach kehrten die Schwestern wieder zurück nach Kaarst. Aber trotz aller Dankbarkeit über die Akzeptanz und die Freundschaft, die ihnen in Holzbüttgen entgegengebracht wurde, war die Sehnsucht, zurück in die Heimat zu gehen, größer. Im Sommer 2023 entschieden sich Diana und Iolanta, trotz großer Unsicherheiten dauerhaft nach Odessa zurückzukehren. Vor ein paar Tagen schrieb Diana Yevtodii: „Uns geht es gut. Es herrscht immer noch Krieg in der Ukraine. Aber wir haben uns daran gewöhnt. Wir leben einfach weiter und sind froh, dass wir leben. Fast jeden Tag ertönen die Alarm-Sirenen. Wenn wir Explosionen hören, gehen wir hinunter in die Schutzräume. Aber wenn es keine gibt, dann führt jeder sein normales Leben weiter. Die Menschen gehen einkaufen, besuchen Cafés und es werden auch Hochzeiten gefeiert.“ Diana Yevtodii bezeichnet die Situation in Odessa als mehr oder weniger stabil. Sie hat dort wieder einen Job im Marketing angefangen.

Fotos: Rund 6000 Teilnehmer bei Demo für die Ukraine in Köln​
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Rund 6000 Teilnehmer bei Demo für die Ukraine in Köln

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Foto: dpa/Henning Kaiser

Iolanta Yevtodii trainiert in Odessa. Für einige Spiele kommt sie nach Deutschland, um für die DJK in der 3. Bundesliga zu spielen. Dann kann sie weiter bei ihrer älteren Schwester Iryna wohnen. Sie ist in Kaarst geblieben und wohnt dort jetzt mit ihrem Ehemann Konstantin. Das tägliche Leid des Krieges bekommen Iolanta und Diana in ihrer Heimat deutlich näher mit. Freunde der Familie kämpfen in der Armee und sie haben Bekannte, deren Häuser beschädigt sind. Nach zwei Jahren Krieg wünschen sie sich nur eins: „Wir wollen in Frieden in der Ukraine leben und nicht an unsere Ängste denken.“ Die Menschen in Kaarst bleiben in den Herzen der Yevtodiis. Erst kurz vor Karneval war die gesamte Familie zu Besuch in Holzbüttgen und natürlich gemeinsam in der Sporthalle, um Iolanta beim Training zuzuschauen. Auch Vater Viktor, selbst ein Tischtennisspieler, griff dann zum Schläger.

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