Radsport : Dienstreise zur Tour de France

Bis zur Tour de Neuss am 25. Juli sind es nur noch drei Wochen. Höchste Zeit also, um sich bei der Frankreich-Rundfahrt nach Kandidaten für einen Start auf der Kaiser-Friedrich-Straße umzusehen. Ein Ortstermin in Boulogne.

Boulogne-sur-Mer Erik Zabel, sonst für so ziemlich jeden Spaß zu haben, ist gerade sichtlich unentspannt. "Für müssen einen unserer Fahrer ins Krankenhaus bringen", sagt das inzwischen beim russischen World-Tour-Team Katjuscha arbeitende Radsportidol. Auf dem Weg vom imposanten Teambus in den schon mit laufendem Motor wartenden Skoda bleibt darum keine Zeit für ein kleines Pläuschen. Ein schnelles Foto und weg ist der ehemalige Weltklassesprinter. Gelernt ist gelernt.

Foto: Woitschützke, Andreas

Stephan Hilgers kennt das. Die Tour de France ist ein hektisches Geschäft. Und trotzdem nutzt der Vorsitzende des Neusser Radfahrervereins (NRV) jede Gelegenheit, um sich vor Ort nach der Form von potenziellen Kandidaten für seine Tour de Neuss am 25. Juli zu erkundigen.

Foto: Woitschützke, Andreas

Am Sonntag war er in Lüttich, am Dienstag schreckten ihn auch die rund 420 Kilometer von Neuss ins am Ärmelkanal gelegene Boulogne-sur-Mer nicht. Zwar ist Ex-Profi Andreas Kappes als sportlicher Leiter für die Verpflichtung der Fahrer verantwortlich, doch der ist am Tag der dritten Etappe über 197 Kilometer von Orchies nach Boulogne, übrigens die Geburtsstadt des Münchner Fußballprofis Franck Ribéry, anderweitig im Einsatz.

Vom eigentlichen Rennen bekam Stephan Hilgers am Dienstag freilich nicht allzu viel mit. Denn Boulogne (44 000 Einwohner) platzte aus allen Nähten. Selbst die mächtige Stadtmauer diente den Radsport-Enthusiasten aus ganz Europa als Tribüne. Vom Sieg des Slowaken Peter Sagan erfuhr Hilgers sogar erst auf der langen Heimfahrt. Egal. Weitaus interessanter für ihn ist bei seinen Besuchen ohnehin der Kontakt zur Fahrerszene, vor allem der deutschen. Er leidet mit mit Tony Martin, der sich trotz gebrochener Hand und mit höllischen Schmerzen ins Ziel quälte. "Den hätte ich gerne in Neuss." Auch auf Christian Knees (31), bei der Frankreich-Rundfahrt schon zum siebten Mal dabei, baut er.

Von unschätzbarem Vorteil sind darum Kontakte. Zu Hans-Michael Holczer etwa. Der ist drei Jahre nach dem Aus des Teams Gerolsteiner zurück im Radsportzirkus, soll als Generalmanager das trotz eines großen Etats zuletzt enttäuschende Katjuscha-Team wieder in die Erfolgsspur führen.

Der 57 Jahre alte Schwabe lehnt lässig am Teambus. Und im Gegensatz zur fast hermetisch abgeriegelten Welt des Profifußballs sind im Radsport persönliche Begegnungen auch noch recht unkompliziert möglich. Nur nicht an diesem Tag. Weil die Rippen- und Brustbeinprellungen des Italieners Giampaolo Caruso dringend versorgt werden muss, verschwindet Holczer ebenso schnell von der Bildfläche wie kurz darauf auch der vor dem Mannschaftsbus des Teams RadioShack-Nissan heftig umlagerte Jens Voigt. Mehr als ein Foto ist diesmal nicht drin.

Dabei ist der 40-Jährige eigentlich extrem auskunftsfreudig. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von seinem Teamkollegen Andreas Klöden, der sich von den deutschen Medien ungerecht behandelt fühlt und deshalb schweigt. Dazu Voigt launig: "Er macht's genau richtig. Während er schon an der Playstation ist, muss ich hier mit Euch reden." Ein echter Spaßvogel.

(NGZ/rl)