Lokalsport : Die Veste gestürmt

Trutzig erhebt sich die Veste Coburg über der Stadt, hält seit dem Mittelalter allen Angriffen stand. Genau so hatte sich der HSC 2000 die Partie gegen den TSV Bayer Dormagen vorgestellt, doch der Coburger Widerstand gegen den Tabellenführer der 2. Liga Süd währte nur zwölf Minuten: Von 5:3 zogen die Gäste innerhalb von nur vier Minuten auf 9:3 davon und durchkreuzten damit alle taktischen Pläne von Hrvoje Horvat: "Wir wollten nicht in Rückstand geraten", gab der 61-Jährige nach dem Schlusspfiff zu, "denn gegen eine Mannschaft wie Dormagen kommst du nicht mehr zurück."

Das hatte der HSC-Trainer gut erkannt. Denn abgesehen von den ersten zwölf Minuten spielte in der ausverkauften "Anger-Veste" eigentlich nur eine Mannschaft: Das war der Spitzenreiter, der dem Tabellenvierten mit 28:38 (Halbzeit 11:17) die bislang höchste Saisonniederlage beibrachte. Und das "völlig verdient", wie Horvat unumwunden zugab. Dabei hatten die Coburger in der Hinrunde dem TSV den bisher einzigen Punktverlust (31:31) im heimischen Sportcenter beigebracht. "Heute haben wir vorgeführt bekommen, was uns zu einem Spitzenteam noch fehlt", bilanzierte der 2. Vorsitzende Jürgen Apfel die sechzig Minuten, die nicht einmal sonderlich Spannung aufkommen ließen. Denn näher als bis auf fünf Tore, zuletzt beim 16:21 (37.), kamen die Hausherren nie mehr an den Spitzenreiter heran. "Dormagen hat eigentlich nie richtig unter Druck gestanden", analysierte Horvat.

In der Tat konnten die Gäste, gestützt auf eine erneut bärenstarke Deckung vor einem erneut glänzend aufgelegten Vitali Feshchanka (14 gehaltene Bälle, darunter zwei Siebenmeter), zeitweise nach Herzenslust Handball zelebrieren: Schon das 6:3 (12.) hatte Florian Wisotzki nacheinem Kempa-Anspiel von Tobias Plaz erzielt, einem zweiten Kempa-Tor durch Christoph Schindler versagten die im Übrigen sehr gut pfeifenden Unparteiischen Hartmann/Schneider (Magdeburg) die Anerkennung. Die Dormagener konnten es verschmerzen, lagen sie zu diesem Zeitpunkt (43.) doch bereits mit 27:18 in Führung - auch, weil beinahe jeder Schuss ein Treffer war.

Danach hatte es zu Beginn ganz und gar nicht ausgesehen. Denn Havard Martinsen, der norwegische Torhüter des HSC Coburg, schien zunächst an seine Glanzvorstellung aus dem Hinspiel anzuknüpfen, "wo die Torhüterleistung mitentscheidend für den Punktverlust war", wie sich TSV-Trainer Kai Wandschneider erinnerte. Vier Martinsen-Paraden in den ersten sieben Minuten, dazu ein vergebener Siebenmeter von Michiel Lochtenbergh, der das Spielgerät einfach am Tor vorbei warf (10.), ließen die mehr als 40 Dormagener Fans, die die 450 Kilometer lange Anreise auf sich genommen hatten, Böses ahnen. Doch mit einer "unglaublich geschlossenen Leistung" (Wandschneider), "besser in der Abwehr und besser im Angriff als wir" (Horvat) zogen die Gäste auf und davon. Ralph Bilek, Schriftführer des HSC Coburg und Live-Reporter für "Radio eins", brachte es Mitte der zweiten Halbzeit auf den Punkt: "Draußen stürmt Orkan Emma, drinnen der TSV Bayer Dormagen."

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In der Tat: Am Ende wäre auch ein Sieg mit 15 und mehr Treffern Unterschied möglich gewesen. Fünfeinhalb Minuten vor Schluss, Matthias Briem hatte gerade von 21:32 auf 25:34 "verkürzt", stauchte Wandschneider seine Mannen in einer Auszeit ausgesprochen heftig zusammen. Nach dem Schlusspfiff war der Zorn über einige Konzentrationsschwächen allerdings schnell verfolgen: "Was soll ich da noch kritisieren?", meinte der Handball-Lehrer - vielleicht auch, weil die Fans den eher ungewöhnlichen Gesang anstimmten: "Wir woll'n die Trainer sehn." - "Die meinen uns gar nicht", stellte im Kabinengang Kapitän Florian Wisotzki überrascht fest - so kann's gehen, wenn "Vestungen" erstürmt werden.

(NGZ)
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