Lokalsport : Die Bob-Anschieberin aus Neuss

An der Seite ihrer Pilotin Anja Schneiderheinze (33) raste Lisette Thöne (23) beim Weltcup-Debüt im österreichischen Igls auf Platz eins. Das zweite Saisonrennen in Winterberg beendete die ehemalige Leichtathletin auf Rang zwei. Jetzt will sie auch zur WM in Lake Placid/USA.

Der Anfang war übel, richtig übel sogar. "Mir war einfach nur schwindelig, und gar nicht gut", erinnert sich Lisette Thöne an ihre erste Fahrt im Zweierbob. Das war Ende 2009, als sie der unter anderem für Olympiateilnehmer Karl Angerer tätige Sprinttrainer Thomas Prange von der Tartanbahn in den Eiskanal holte. Trotz der Achterbahn im Kopf stand für die damals 21-Jährige fest: "Da musst du noch mal ran!"

Ein weiser Entschluss, denn gut zwei Jahre später gehört die Neusserin als Anschieberin von Anja Schneiderheinze zu den Besten ihres Fachs und führt die Gesamtwertung des Weltcups nach Rang eins in Igls und Platz zwei in Winterberg an. Nicht ganz so schlecht für eine Wintersportlerin vom Rhein.

Dass die ehemalige Leichtathletin mit einer Bestmarke im Weitsprung von 6,12 Meter in einem Bob gelandet ist, findet die inzwischen 23-Jährige freilich ohnehin nicht so schrecklich außergewöhnlich. Leichtathleten — vorneweg Sprinter, Weitspringer oder Zehnkämpfer — stehen im Bobsport aufgrund ihrer explosiven Schnellkraft nun mal hoch im Kurs. Ihr Job klingt einfach: In der rund 15 Meter langen Anlaufzone müssen sie dem Bob die nötige Geschwindigkeit mitgeben, um am Ende im Kampf um Hundertstel- oder sogar Tausendstelsekunden die Nase vorne zu haben.

Der Rest ist Vertrauenssache — in ihrer aerodynamisch günstigen Sitzposition verschwinden sie fast zur Gänze hinter dem Piloten. Ein Blindflug mit bis zu 150 Stundenkilometern Richtung Ziel. In den Steilkurven und Schikanen kann die Beschleunigung kurzzeitig 5 g (fünffache Erdbeschleunigung) betragen.

Angst kennt Lisette Thöne indes nicht. "Ich weiß, dass vor mir eine erfahrene Pilotin sitzt. Und außerdem bin ich noch nie gestürzt ..." Eine genaue Kenntnis der einzelnen Bahnen und ihrer Eigenheiten ist nichtsdestotrotz von unschätzbarem Vorteil. Zum einen, erklärt die Leistungssportlerin von der Neusser Furth, "solltest du immer wissen, wo du gerade bist, wo die kritischen Stellen sind, damit du dich dagegenlehnen kannst", zum anderen haben Anschieber noch einen zweiten, nicht ganz unwesentlichen Job: Sie bringen den gut 170 Kilogramm schweren Hightechschlitten zum Stehen, weshalb sie oft auch als Bremser bezeichnet werden. "Und darum solltest schon wissen, wann du im Ziel bist", sagt Lisette Thöne schmunzelnd.

Weil sie übers Jahr Schwerstarbeit zu verrichtet hat, für die sie ihren Körper mit fast täglichem Krafttraining in Form bringt, ist die extrem drahtige Sportsoldatin froh, dass zum "Team Germany 3" in Christin Senkel (BSC Winterberg) noch eine zweite Anschieberin gehört. "Wir wechseln uns ab und verstehen uns blind", sagt sie. So schob ihre Kollegin Anja Schneiderheinze unter der Woche auf Platz drei bei den Deutschen Meisterschaften in Königssee. Auch die nächsten Höhepunkte werden schiedlich-friedlich untereinander aufgeteilt: der Europacup vom 9. bis 15. Januar in St. Moritz/Schweiz und die Weltmeisterschaften vom 13. bis 26. Februar in Lake Placid/USA.

So sehr sie in ihrer wahnsinnig zeitintensiven Rolle als Tempomacherin auch aufgehen mag, der Antrieb, es Anja Schneiderheinze, die 2006 in Turin als Anschieberin von Sandra Kiriasis Olympia-Gold holte, nachzumachen, ist auf jeden Fall da. "Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, es selber mal als Pilotin zu probieren. Einen Versuch wäre es wert."

Doch auch in der zweiten Reihe will Lisette Thöne, die die Weihnachtstage mit der Familie bei ihrem Bruder in Kiel verbringen wird, glänzen. Die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi (7. bis 23. Februar) hat sie schon jetzt fest im Blick: "Wer Olympia nicht als Ziel hat, ist kein richtiger Sportler!"

(NGZ/rl)