Jüchen : Der unbekannte Heilige

Der Theologe Manfred Becker-Huberti stellt bei einem Vortrag im Nikolauskloster den Heiligen Nikolaus als zunächst heimlichen Gabenbringer vor und beschreibt Schenken als "erahnte Seligkeit".

Wer ist noch nicht schon lange vor der Adventzeit über den rotweißen Rauschebart gestolpert, der sich als Galionsfigur der Kommerz-weihnacht verdingt hat? Ob diese "Weihnachtsmänner" noch wissen, wen sie eigentlich darstellen und welches Verhältnis das Urbild des Weihnachtsmannes, der heilige Nikolaus, zum Schenken hatte?

Das Schenken zu Weihnachten hatte bis in das 16. Jahrhundert mit dem Weihnachtsfest nichts zu tun. Abgesehen davon, dass die Eltern ihren Kindern am Weihnachtsfest etwas zum Naschen zusteckten, wurde nichts geschenkt. Denn aus dem weihnachtlichen Festsinn heraus ergab sich keine Schenknotwendigkeit — wurde doch den Menschen der Erlöser geschenkt.

Das Schenken stammt vom heiligen Nikolaus. In einer der alten Legenden aus Kleinasien wird berichtet, dass der Heilige in drei Nächten drei Mädchen je einen Goldklumpen durch das offene Fenster zuwarf, um sie finanziell auszustatten. Und er verschenkte keinen Kirchenbesitz, sondern sein ererbtes, privates Vermögen. Ab dem zwölften Jahrhundert wurde das Fest des heiligen Nikolaus zum Kinderbeschenktag. Und geschenkt wurde, wie der heilige Nikolaus in der Jungfrauenlegende schenkt: heimlich und symbolisch. Nikolaus wollte ja nicht seine Ehre mehren, sondern das Seelenheil der Mädchen erhalten. Das Geschenk des Nikolaus erfolgte unter Einbeziehung der Ewigkeit. Und die Menschen ahmten diese Form des Schenkens nach: Man schenkte heimlich und unerkannt im Namen des Nikolaus und gab den Kindern etwas, das sie eine Ahnung vom Himmel und seiner Herrlichkeit gewinnen ließ. Geschenkt wurde, was nicht lebensnotwendig war, ein "super additum", etwas über das Normale hinaus Gegebene: Gebäck, Äpfel, Nüsse. Symbolisch waren die Geschenke der Erwachsenen für die Kinder, weil Nüsse und Mandeln das göttliche Geheimnis darstellten (Gott schenkt die Nüsse, aber knacken muss sie der Mensch selber!) und die Äpfel an die Erbsünde Adams und Evas erinnerten.

Wo stehen wir heute? Ist der Nikolaus oder besser das Nikolausbrauchtum noch zu retten? Vielleicht hilft eine Rückschau auf den Heiligen und Wissen um den Sinn des Schenkens, das um seinetwillen keinen Sinn macht. Schenken als erahnte Seligkeit, wenn der Himmel die Erde berührt, leistet mehr als die wertvollsten Geschenke.

(NGZ)