Hockey : Der "Schuljunge" tritt ab

Sein Amt als Mannschaftskapitän hat Thomas Draguhn längst mit dem des Hockey-Abteilungsleiters beim HTC Schwarz-Weiß Neuss vertauscht. Am Sonntag wird der 35-Jährige, der mehr als ein Jahrzehnt das Hockeygeschehen an der Jahnstraße prägte, von alten Weggefährten verabschiedet

Sebastian Draguhn hat sich tief ins Familienarchiv vergraben. Schließlich kommt dem Hockey-Weltmeister von 2006 am Sonntagmittag die ehrenvolle Aufgabe zu, seinen älteren Bruder Thomas offiziell zu verabschieden.

Foto: Berns, Lothar

Doch bei seinen Recherchen ist "Basti" in einer Sache nicht fündig geworden. Die Antwort auf die Frage, warum die mit Abstand bekanntesten Neusser Hockeyspieler überhaupt zu ihrer Sportart gekommen sind, muss der 28-Jährige schuldig bleiben: "Bei mir war es der ältere Bruder, klar. Aber warum der Thomas mit Hockey angefangen hat — keine Ahnung."

Denn das Brüderpaar entstammt keineswegs einer der klassischen Hockeyfamilien, in denen der Schläger über Generationen weiter gereicht wird. Vater Thomas Draguhn senior spielte vielmehr erfolgreich Tennis beim HTC Schwarz-Weiß Neuss. "Von ihm haben wir das Ballgefühl geerbt", ist Sebastian Draguhn überzeugt.

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Sei's drum: Im zarten Alter von fünf Jahren fand Thomas Draguhn junior den Weg auf die damals noch aus Naturrasen bestehenden Hockeyplätze an der Jahnstraße. Dort, auf dem Kunstrasenplatz, wird er am Sonntag ab 12 Uhr offiziell verabschiedet — natürlich mit einem Hockeyspiel. Zu dem hat sich eine große Schar ehemaliger Weggefährten angesagt, die ihre Kräfte mit dem aktuellen Kader des HTC, derzeit souveräner Spitzenreiter der Zweiten Bundesliga Nord, messen.

"Team Schuljungen" wird auf den Trikots der prominent besetzten Auswahl (siehe gesonderten Artikel) stehen. Und das aus gutem Grund: Denn "Schuljunge" war der Spitzname, den die älteren Hockeysemester dem damals 17-jährigen Thomas Draguhn verpassten, als der in der Saison 1994/95 den Sprung in den Kader der "ersten Herren" schaffte.

Aus dem "Schuljungen", der 1991 auf dem Feld mit den A-Knaben den bis dahin ersten Deutschen Meistertitel im männlichen Bereich in der schwarz-weißen Vereinsgeschichte gewann und dem zwei Jahre später in der Halle den Titelgewinn mit der B-Jugend folgen ließ, wurde schnell eine feste Größe (nicht nur) in der Neusser Hockeyszene. 1995 glückte den Neussern erstmals der Sprung in die Hallen-Bundesliga — und Thomas Draguhn empfahl sich für Einsätze im Nationaltrikot, das er im Jugend- und Juniorenbereich in über 100 Länderspielen trug. Lohn der Anstrengung: 1997 wurde er mit Deutschland Dritter der U 21-WM und dabei sogar ins "Allstarteam" gewählt. Ein Jahr später gewannen die deutschen U21-Junioren mit dem Neusser den Europameistertitel.

Trainer damals: Bernhard Peters. "Wäre er gleich danach schon Bundestrainer geworden, hätte Thomas bestimmt auch in der A-Nationalmannschaft Karriere gemacht", mutmaßt Sebastian Draguhn, der es selbst, hauptsächlich unter Peters, auf 110 A-Länderspiele brachte. Doch mit dem damaligen Bundestrainer Paul Lissek stimmte die Chemie nicht, so dass es für den älteren Draguhn-Bruder bei sechs Einsätzen blieb.

Im Verein hingegen war er die feste Größe in allen Aufs und Abs, die der HTC in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten erlebte: "Thomas ist der absolute Führungsspieler, der verlängerte Arm des Trainers auf dem Feld", sagt sein jüngerer Bruder über den 35-Jährigen, der seit fünf Jahren als Anwalt zugelassen und in einer renommierten Düsseldorfer Kanzlei im Fachbereich Handels- und Gesellschaftsrecht tätig ist. Nicht zuletzt aus beruflichen Gründen hat er den Hockeyschläger nun an den berühmten Nagel gehängt und auf Abteilungsleiter umgeschult. "Das ist das Schöne, dass er nicht ganz weg ist", sagt "Basti" — und meint das bestimmt nicht nur in seiner Eigenschaft als jüngerer Bruder.

(NGZ/rl)
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