Zusammenarbeit mit Tim Lobinger beendet: Der Otto-Motor

Zusammenarbeit mit Tim Lobinger beendet : Der Otto-Motor

Von Volker Koch Manchmal sind Interviewtermine reine Glücksache. Als Annemike Schorn, Pressesprecherin der Bayer Betriebskrankenkasse (BKK), vor ein paar Wochen vorschlug: "Könnten Sie nicht mal 'was über den Trainer von Björn Otto und Tim Lobinger machen, der arbeitet doch bei uns?", da konnte sie nicht ahnen, welche Aktualität die Geschichte ausgerechnet in dieser Woche gewinnen würde. Björn Otto und sein Motor: Seit einem Jahr betreut Michael Kühnke (links) den Stabhochspringer des TSV Bayer Dormagen, und das mit Erfolg. Dabei ist der gebürtige Cottbuser "eine Art Autodidakt": Der Sachbearbeiter bei der BKK verfügt nur über den B-Trainerschein. NGZ-Foto: H. Jazyk

Von Volker Koch Manchmal sind Interviewtermine reine Glücksache. Als Annemike Schorn, Pressesprecherin der Bayer Betriebskrankenkasse (BKK), vor ein paar Wochen vorschlug: "Könnten Sie nicht mal 'was über den Trainer von Björn Otto und Tim Lobinger machen, der arbeitet doch bei uns?", da konnte sie nicht ahnen, welche Aktualität die Geschichte ausgerechnet in dieser Woche gewinnen würde. Björn Otto und sein Motor: Seit einem Jahr betreut Michael Kühnke (links) den Stabhochspringer des TSV Bayer Dormagen, und das mit Erfolg. Dabei ist der gebürtige Cottbuser "eine Art Autodidakt": Der Sachbearbeiter bei der BKK verfügt nur über den B-Trainerschein. NGZ-Foto: H. Jazyk

Michael Kühnke (32), im Zivilberuf Sozialversicherungsfachangestellter bei der BKK, konzentriert sich seit Montag nur noch auf Björn Otto. Den "Job" als Trainer von Tim Lobinger, dem erfolgreichsten und besten aus der deutschen Stabhochsprunggarde, hat er gerade an den Nagel gehängt. "Private Gründe", sagt Kühnke, "und weil ich mich so besser auf Björn Otto konzentrieren kann." Vier Jahre lang betreute der gebürtige Cottbuser, der 1995 des Sportes wegen nach Leverkusen kam, den "Paradiesvogel" der Stabhochsprungszene. "Unsere Freund-Trainer-Athlet-Beziehung war ziemlich einmalig", schreibt Lobinger auf seiner Homepage, "Michael hat sich aus privaten und beruflichen Gründen gegen eine weitere Zusammenarbeit mit mir entschieden. Er bündelt Zeit und Kraft für die Betreuung von Björn Otto." Den hat Michael Kühnke seit genau einem Jahr unter seinen Fittichen. "Und ich freue mich auf das zweite", stellt er sachlich fest.

Das war nicht gleich so, als Otto vor Jahresfrist bei ihm anklopfte, nachdem Jörn Elberding die Zusammenarbeit mit dem Dormagener für beendet erklärt hatte. "Viele haben mich davor gewarnt, weil der Björn angeblich so ein schwieriger Typ sei", sagt Kühnke. Der Angesprochene sitzt daneben und grinst dazu. Kühnke hat es trotzdem gewagt, und keineswegs bereut, auch wenn sich beide erst einmal aneinander gewöhnen mussten: "Für Björn war es natürlich eine Umstellung, plötzlich keinen Full-Time-Trainer mehr zu haben." Außerdem musste sich Otto damit abfinden, nicht mehr ständig umsorgt und begleitet zu werden. Kühnke möchte seinen Vorgänger "in dieser Hinsicht nicht kritisieren. Aber ich glaube schon, dem Björn hat mehr Selbständigkeit gut getan".

Als Beispiele nennt er die Universiade in Izmir, wo der Dormagener Biologie-Student ganz ohne Trainer auskommen musste und trotzdem Studentenweltmeister wurde. Oder das ISTAF im Berliner Olympiastadion, wo Björn Otto der Stab brach. "Fünf Minuten später ist er 5,73 Meter gesprungen. Das spricht für ihn, denn 5,73 Meter sind nicht irgendeine Höhe." Michael Kühnke muss es wissen. Schließlich war es selbst als Stabhochspringer im Dress des TSV Bayer Leverkusen aktiv. 5,60 Meter sind seine Bestmarke, "allerdings nicht offiziell, das war bei einem Marktplatzspringen." Bestenlistenreif sind seine 5,53 Meter aus der Halle. 1997 war er sogar DM-Dritter, "aber da waren die anderen alle verletzt", schränkt Kühnke lachend ein.

Verletzt war er dann selbst, so dass er die aktive zugunsten einer Karriere als Trainer aufgab. "Ich bin so eine Art Autodidakt", gibt Michael Kühnke zu. Schließlich besitzt er keinen A-Trainerschein und auch kein Diplom als Sportwissenschaftler. Das, sagt er, lassen ihn die Kollegen mitunter auch spüren. Michael Kühnke macht sich keinen Kopf daraus: "So ganz falsch kann das ja nicht sein, was ich meinen Athleten vermittle", sagt der 32-Jährige und verweist auf die deutsche Freiluft-Bestenliste 2005: Da belegen seine Schützlinge Tim Lobinger und Björn Otto die Plätze eins und zwei. "Im Stabhochsprung kommt es viel auf's Auge an, und das hat der Michael", weiß Björn Otto aus eigener Erfahrung. Kühnke will dem nicht widersprechen. Zu viel Verdienst an den Erfolgen seiner Athleten will er sich jedoch auch nicht anrechnen: "Beide hatten ja schon viel Erfahrung, als sie zu mir kamen."

Einen Full-time-Job aus dem Trainerdasein zu machen, das kommt für ihn nicht in Frage: "Ich sehe das als idealen Ausgleich zu meinem Beruf. Glücklicherweise lässt mir die BKK da einige Freiheiten, die nicht selbstverständlich sind." Als Vereins- oder Verbandstrainer zu arbeiten, kann sich Michael Kühnke ebenfalls nicht vorstellen: "Ich hoffe, der Björn springt noch ein bisschen. Wenn er aufhört, dann ist auch für mich Schluss, einen anderen Athleten übernehme ich nicht mehr." Wobei das Duo Peking 2008 und ein Jahr später die WM im eigenen Land als gemeinsame Ziele anpeilt. Höhenmäßig traut er seinem Schützling "im nächsten Jahr 5,85 bis 5,90 Meter zu".

Das wäre neue Bestleistung, die bei Björn Otto derzeit auf 5,82 Meter steht. Kühnke hält den Straberger für einen "potenziellen Sechs-Meterspringer". Das haben in Deutschland mit Tim Lobinger und Danny Ecker bislang nur zwei Athleten geschafft. An den Prämien für solche Höhen verdient Kühnke nicht mit, auch die "zwei bis zweieinhalb" Trainerstunden pro Tag muss Björn Otto nicht tariflich entlohnen. "Ich reise gern, da reicht es mir, wenn die Jungs mich ins Trainingslager mitnehmen und das bezahlen." Im Dezember geht's für eine Woche nach Teneriffa im Januar nach Südafrika. Seinen Urlaub bei der BKK hat Michael Kühnke dafür schon eingereicht.

(NGZ)
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