Lokalsport : Der Liga droht die Spaltung

Während sich die Spitzenklubs der Handball-Bundesliga in ihrem Wettrüsten gegenseitig zu überbieten versuchen, schlittert der Rest in die Pleite: Mindestens die Hälfte der Vereine klagt über akute Finanzprobleme, denen sie mit Spielerverkäufen Herr zu werden versuchen.

Reiner Witte ist ein viel beschäftigter Mann. Gerade musste der Rechtsanwalt aus Kiel, seit drei Jahren Präsident des Ligaverbandes, seinem eigenen Pressedienst ein Interview geben, in dem er ausführlich über seine Arbeit als Präsident der europäischen Ligenvereinigung (Ephla) berichtet.

Während der HBL-Präsident "quer durch Europa" reist, geht es zu Hause drunter und drüber. Mindestens die Hälfte der 18 Handball-Bundesligisten klagt über massive finanzielle Probleme. Und nicht nur notorisch klamme Kellerkinder wie der DHC Rheinland, der dringend 200 000 Euro benötigt, um den Spielbetrieb bis Saisonende aufrecht zu erhalten, die HSG Ahlen-Hamm, deren Finanzlücke mindestens 400 000 Euro betragen soll und die nur durch einen Gehaltsverzicht der Spieler von 20 Prozent vorerst dem Kollaps entging, oder die im vergangenen Jahr mit mehreren Monatsgehältern in Rückstand geratene HSG Wetzlar gehören dazu.

Auch einstige Vorzeigeklubs wie TBV Lemgo oder TV Großwallstadt müssen kräftig abspecken, dürften in der kommenden Saison die Hälfte des aktuellen Etats zur Verfügung haben. Auch dem VfL Gummersbach werden einmal mehr akute Probleme nachgesagt – Torhüter Goran Stojanovic geht deshalb zu den Rhein-Neckar Löwen, andere sollen dem Vernehmen nach folgen. In der Not trennen sich auch Lemgo und Großwallstadt von Nationalspielern wie Holger Glandorf und Steffen Weinhold. "Wir können nicht anders", sagt Uli Wolf, langjähriger Spieler und jetzt Sportlicher Leiter in Großwallstadt. Nicht nur er befürchtet, dass "die Schere in der Liga immer weiter auseinanderklappt: Die, die Geld haben, stehen oben, wir anderen haben keine Chance mehr, mitzuhalten." Ergebnisse wie die von Mittwoch, wo die Löwen 36:25 in Hannover gewannen und Kiel Melsungen mit 36:23 nach Hause schickte, dürften dann die Regel sein.

Auch Dirk Andres hat in den zwei Wochen, in denen er als vorläufiger Insolvenzverwalter die Geschäfte des DHC Rheinland führt, einiges dazu gelernt: "Dass es eine solche Kluft in der Handball-Bundesliga gibt, war mir nicht bewusst", sagt der Düsseldorfer Anwalt, "das kann auf Dauer nicht gut gehen." Schon gibt es erste Abspaltungstendenzen: Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel, fordert eine Verkleinerung der Liga, andere in den Vorständen der Spitzenklubs denken laut über die Einführung einer "Europaliga" nach.

Nur: Die "Großen" sind auf Einnahmen aus Spielen gegen die Habenichtse angewiesen. Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin, beziffert den Verlust, der seinem Klub beim Nicht-Antreten des DHC Rheinland gedroht hätte, auf 80- bis 100 000 Euro. Bei 17 Heimspielen ist das in etwa der Etat, den die Dormagener gerne zur Verfügung gehabt hätten in dieser Saison.

Reiner Witte hat sich zum DHC Rheinland bislang noch nicht geäußert. Wie denn auch, schließlich hat er als Präsidentschaftskandidat für das "Professional Handballboard" des Europäischen Verbandes (EHF) anderes zu tun.

(NGZ)
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