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Sportpolitik: Der letzte Sport-Patriarch verlässt die Bühne

Sportpolitik : Der letzte Sport-Patriarch verlässt die Bühne

Am Dienstag wählt das Kuratorium der Stiftung Sport einen neuen Vorstand. Karl Bongers legt dann nach 23 Jahren den Vorsitz nieder.

Verglichen mit den 32 Millionen, die der VfL Wolfsburg als Ablösesumme für André Schürrle auf den Tisch blätterte, sind 4,28 Millionen Euro verteilt auf 28 Jahre eher in die Kategorie der berühmt-berüchtigten "peanuts" zu rechnen. Doch ohne sie dürfte der Sport im Rhein-Kreis in den vergangenen knapp drei Jahrzehnten um einiges ärmer - und sicher nicht so leistungsstark dagestanden haben.

4,28 Millionen Euro, das ist die Summe, die die "Stiftung Sport der Sparkasse Neuss und des Rhein-Kreises Neuss" seit ihrer Gründung im Frühjahr 1986 bis heute zur Förderung des heimischen Leistungs- und Spitzensports ausgeschüttet hat. Davon gingen 3,832 Millionen durch die Hände von Karl Bongers. Denn der 90-Jährige lenkt seit beinahe 23 Jahren als Vorsitzender die Geschicke der Stiftung, dem Vorstand gehört er schon seit dessen konstituierender Sitzung am 21. Mai 1986 an.

Am Dienstag ist auch das Geschichte. Wenn sich der Vorstand der Stiftung Sport am Nachmittag im kleinen Sitzungssaal der Sparkasse zur Beratung trifft, tut er das zum letzten Mal unter Bongers' Federführung. Im Anschluss wählt das Kuratorium einen neuen Vorsitzenden. Egal, wie der heißen mag - die Fußstapfen, die er auszufüllen hat, sind von enormer Größe. "Karl Bongers ist 'die' Institution im Sport, wir haben ihm viel zu verdanken", sagt Stiftungs-Präsident Dieter Welsink, "nur mit ihm konnten wir in den letzten Jahren ein Netzwerk Sport aufbauen, das weit über die Grenzen des Rhein-Kreises Neuss die Akteure im Sport konstruktiv zusammen brachte."

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In der Tat. Obwohl als ehemaliger städtischer Baudirektor und Leiter des damaligen Wohnungsbau- und Förderungsamtes der Stadt Neuss ein Verwaltungsmensch durch und durch, hat Karl Bongers die ihm anvertraute Sportstiftung nie bloß verwaltet. Unter seiner Gestaltung wurde sie zu einem lebendigen und hoch geachteten Instrument von Sportförderung und Sportpolitik.

Das konnte nur gelingen, weil Bongers bis ins hohe Alter hinein ein kompetenter Ansprechpartner für alle war: Die Sparkasse als Geldgeber, die Politik als durch das Kuratorium involviertes Aufsichtsgremium, die Sportverwaltung als ausführendes Organ, die antragstellenden Vereine und nicht zuletzt die Sportler selbst fanden in Karl Bongers immer einen Ansprechpartner, der ihnen Gehör und Vertrauen schenkte.

"Bestens vernetzt mit der Sportszene der Stadt und des Rhein-Kreises Neuss und hoch geschätzter Gesprächspartner der Sportlerinnen und Sportler", so schildert ihn Heinz Mölder, der als Vorstandsmitglied der Sparkasse Neuss selbst gut zwei Jahrzehnte dem Stiftungsvorstand angehört. Ihm hat dabei besonders imponiert, "mit welchem Respekt nach oftmals leidenschaftlichen Diskussionen seinen Vorschlägen einstimmig gefolgt wurde."

Und diskutiert wurde häufig und heftig in den Vorstandssitzungen. Die Entwicklung vom anfangs praktizierten "Gießkannenprinzip", der Einzelförderung von zeitweise mehr als 100 Sportlern mit monatlichen Kleinstbeträgen, hin zur gezielten Projektförderung, die in der Gründung eines auch jetzt wieder mit Blick auf Rio 2016 installierten "Olympia-Perspektivteams" ihren vorläufigen Höhepunkt fand, verlief keineswegs geräuschlos und nicht frei von Geburtswehen. Karl Bongers war dabei immer Herr des Geschehens: moderat im Ton, hart in der Sache. "Er hat engagiert und diszipliniert die Förderung des Sports im Rhein-Kreis vorangetrieben", beschreibt ihn sein langjähriger Stellvertreter Jürgen Steinmetz. Weil er am 1. März vom Posten des stellvertretenden Landrats und Sportdezernenten in den des Geschäftsführers der Industrie- und Handelskammer (IHK) wechselt, muss auch diese Position am Dienstag neu besetzt werden.

Das Duo, so viel ist sicher, hinterlässt eine große Lücke. Und das in Zeiten, die schon mal rosiger waren für die Stiftung Sport. Aufgrund gen Null tendierender Zinserlöse auf das Stiftungskapital von 3,8 Millionen Euro regiert seit zwei Jahren der Rotstift, mussten Projekte und Fördermaßnahmen reduziert oder ganz gestrichen werden. Statt wie einstmals mehr als 200 000 Euro konnten im vergangenen Jahr nur noch 146 521 Euro ausgeschüttet werden, was ohnehin nur durch Rücklagen und einen erhöhten Zuschuss des Kreises möglich war - Tendenz weiter fallend. Verglichen mit den 32 Millionen Ablöse sind das nun wirklich "peanuts".

(NGZ)