Kanu : Der Goldjunge aus Holzheim

Im Sommer fuhr Robert Gleinert mit dem deutschen Viererkajak im ungarischen Szeged zum WM-Sieg. Weil im Leben des Wahl-Berliners nun (fast) alles auf Olympia 2012 in London ausgerichtet ist, ist der 22-Jährige nur noch selten daheim in Holzheim. Am Freitag besuchte er die Sportredaktion.

Manchmal kommt sich Robert Gleinert vor wie in einem Hollywood-Streifen: Das Scheitern vor Augen, ein Neuanfang fern der Heimat mit geringen Erfolgschancen und dann als Höhepunkt ein dramatischer Kampf bis zum Triumph. Klappe mit Happy End. Ein schöner Film — mit einem entscheidenden Manko. "Er ist noch nicht vorbei, da kommt noch was", verspricht der 22-Jährige.

Die Goldjungs: (v.l.) Bröckl, Hoff, Mittelstedt und Gleinert. Foto: DAPD

Als Robert Gleinert, vierter Mann im deutschen Viererkajak, am 20. August nach dem WM-Sieg über 1000 Meter im ungarischen Szeged an der Seite von Norman Bröckl (Berlin), Max Hoff (Essen) und Paul Mittelstedt (Neubrandenburg) ergriffen der Nationalhymne lauschte, lief in seinem "Kopfkino" freilich ein ganz anderer Film ab. "Ich habe an den harten Weg bis zur Goldmedaille gedacht und an meine alten Freunde in Holzheim."

Dort war er im Herbst 2010 am Scheideweg angelangt. 40-Stunden-Job und Leistungssport ließen sich nicht mehr vereinbaren. "Ich hätte um ein Haar aufgehört." Dass er es nicht tat, hat ursächlich mit seinem Wechsel an die bbw-Akademie in Berlin zu tun. Dort fand das Kind der Holzheimer SG genau das vor, was es brauchte: eine spitzensportgerechte Berufsausbildung für die Olympiateilnehmer von morgen.

"Klar, mit 21 Jahren von zu Hause weg, das fiel mir schon schwer, aber rückblickend war es genau die richtige Entscheidung", sagt Gleinert, der es ausgesprochen schade findet, "dass es so eine Institution nicht auch hier bei uns gibt." Im Juni 2013 wird er seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann abschließen — sehr zu seiner Beruhigung, aber auch der seiner Eltern.

In Berlin lernte er eine komplett neue Welt kennen. "Eine derartige Professionalität kannte ich gar nicht". In Holzheim waren nicht mehr als zehn Trainingseinheiten pro Woche drin gewesen, an der Spree waren es plötzlich 20 bis 25.

Anfänglichen Zweifeln, "Vorbilder wie Norman Bröckl waren plötzlich meine Teamkollegen", folgte eine wahre Leistungsexplosion. Schon bei der Europameisterschaft in Belgrad saß der Holzheimer im Flagschiff des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV), das hinter Portugal Rang zwei belegte.

Bei der WM in Szeged steckte das Team selbst den niederschmetternden Ausfall von Schlagmann Marcus Groß zwei Stunden vor dem Finale weg. Dass auch mit Ersatzmann Paul Mittelstedt Gold heraussprang, empfindet Gleinert immer noch als Wunder.

"So ein Rennen fährst du einmal in 1000 Jahren!" Nun jedoch gilt es, seinen Platz im Boot bis London zu verteidigen. "Und das ist schwerer als anzugreifen." Holzheim, Berlin und seine Freundin Verena sieht er darum erst mal nur noch selten. "Bis April bin ich ständig unterwegs. "Ich muss mich durchbeißen, da werden keine Gefangenen gemacht."

Lehrgänge, knallharte Ausscheidungsrennen, Weltcups und die Europameisterschaften in Zagreb werden darüber entscheiden, ob der Traum von Olympia wirklich wahr wird. Eines steht für Gleinert aber schon jetzt fest: "Wenn ich in London dabei bin, will ich auch die Goldmedaille."

(NGZ)