Den Talenten auf der Spur

Die Chancen, in Deutschland Talente für den Leistungssport zu finden, werden aufgrund demografischer Entwicklung und gesellschaftlicher Tendenzen immer geringer. Der Rhein-Kreis möchte mit seinem „Masterplan Leistungssport“ gegensteuern.

Nicht jeder ist so sportlich wie Hans-Jürgen Petrauschke. Während der Landrat des Rhein-Kreises in seiner Begrüßung von morgendlichen Trainingseinheiten im Fitness-Studio erzählte, brachte es Lars Donath, Leiter der Abteilung trainingswissenschaftliche Interventionsforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln, auf den Punkt: „Die Chance, in Deutschland Talente für den Leistungssport zu finden, wird immer geringer.“

Nun kommt der Landrat als Vertreter der Generation 60plus trotz allen Trainingsfleißes kaum noch für eine vielversprechende leistungssportliche Karriere in Frage. Dennoch möchte der Rhein-Kreis sein Scherflein dazu beitragen, dass Leistungs- und Spitzensportler in Deutschland nicht auf die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten geraten. Deshalb hat er den von Petrauschkes gleichfalls nicht unsportlichem Vorgänger Dieter Patt vor dreieinhalb Jahrzehnten ins Leben gerufenen „Masterplan Leistungssport“ fortschreiben lassen.

Beim Sportforum des Rhein-Kreises diskutierten unter Leitung von Christian Keller (2. v.l.) Emily Kurth, Lars Donath, Landrat Hans-Jürgen Petrauschke, Lars Witte und Michael Scharf (v.l.). Foto: Tinter, Anja (ati)

Ein Kernstück: die Suche nach Talenten. Dafür werden demnächst alle 79 Grundschulen im Kreisgebiet Besuch erhalten. In allen zweiten (in Neuss dritten) Klassen wird ein Bewegungsparcours aufgebaut. Eigens geschulte Sichtungstrainer werden 90 Minuten lang die Probanden beobachten, um diejenigen  heraus zu filtern, die einen „sportlichen“ Eindruck hinterlassen. Die sollen dann im Idealfall an ein regelmäßiges Training im Verein herangeführt werden.

Das Verfahren, betont Lars Donath, unterscheide sich grundsätzlich von den bekannten Motoriktests, wie sie in Dormagen schon seit Jahren, in Neuss ab dem kommenden Jahr an Grundschülern vorgenommen werden. „Wir testen nicht, wir beobachten,“ sagt der Sportwissenschaftler. Und auch Kreisdirektor Dirk Brügge betont: „Wir machen das in Zusammenarbeit und Absprache mit den Städten.“ Gleichwohl, sagt Thomas Schütz, werde man die Ergebnisse der Untersuchungen miteinander vergleichen: „Und sollten wir nach zwei Jahren feststellen, dass sich die Resultate ähneln, werden wir die Sache neu überdenken,“ kündigt der Leiter Sportförderung beim Rhein-Kreis an.

Talentsichtung ist die eine Sache, Talentförderung eine andere. Die funktioniert nur, da verriet Lars Donath wenig Neues, in einem gut aufgestellten Umfeld. Das fängt bei den Eltern an und hört bei den Vereinstrainern auf. Gut aufgestellt in dieser Hinsicht sind offensichtlich die Säbelfechter des TSV Bayer Dormagen. „Natürlich spielt da auch der Zufall eine gewisse Rolle, aber das hat auch etwas mit systematischer Sichtung zu tun,“ sagt Michael Scharf, langjähriger Leiter des Olympiastützpunktes und jetzt Leistungssportdirektor beim Landessportbund (LSB), mit Blick auf die „goldene Generation“ um Nicolas Limbach, Max Hartung und Co.. Emily Kurth kann das nur bestätigen. Die 18-Jährige hat in ihrer Fechtlaufbahn die klassischen Stationen durchlaufen – von der Schul-AG über erste zaghafte Versuche im Verein ein Mal pro Woche bis zum Training am Bundesleistungs-Stützpunkt und der Teilnahme an den Kadetten-Europameisterschaften. „Ohne die Unterstützung der Eltern“, sagt die Psychologie-Studentin, aber auch ohne eine Einrichtung wie das Teilinternat am Dormagener Höhenberg „hätte das alles nicht so gut geklappt.“

Lars Witte kann von solchen Bedingungen nur träumen. „Bei uns ist alles ehrenamtlich organisiert und deshalb nicht ganz so professionell,“ sagt der Abteilungsleiter Radsport beim VfR Büttgen. Gleichwohl bringt der Verein in schöner Regelmäßigkeit Talente wie den Olympiafünften Nils Schomber hervor. „Auch aktuell wachsen bei uns wieder vielversprechende Nachwuchsfahrer heran,“ sagt Witte. Für sie wie für alle talentierten Sportler gilt, was Moderator Christian Keller aus seiner eigenen Karriere als Weltklasse-Schwimmer zu berichten wusste: „Das wichtigste ist die Konzentration auf das Wesentliche.“

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