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Reitsport: "Dem Reitsport bricht die Mittelschicht weg"

Reitsport : "Dem Reitsport bricht die Mittelschicht weg"

Noch ist alles im Lot im Kreispferdesportverband. Doch Vorsitzender Lutz Bartsch sieht im Gefolge der Finanzkrise dunkle Wolken aufziehen.

Herr Bartsch, das Winterfest mit den obligatorischen Ehrungen des Kreispferdesportverbandes dokumentiert in jedem Jahr die Leistungsstärke und Bandbreite des heimischen Pferdesports. Waren Sie auch diesmal zufrieden?

Lutz Bartsch Mit dem Fest sowieso. Und auch auf die sportlichen Erfolge mit den zwei Europameistertiteln von Pia Münker, der Vize-Weltmeisterschaft und dem Gewinn des EM-Titels durch die Voltigierer vom RSV Grimlinghausen können wir stolz sein. Ich wäre froh, wenn wir dieses Niveau minus zehn Prozent auch 2013 erreichen könnten.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung vermeldet seit einiger Zeit rückläufige Mitgliederzahlen. Wie sieht es in dieser Hinsicht im Kreispferdesportverband aus?

Bartsch Wir haben noch keine nennenswerten Einbußen, zumindest nicht bei unseren Vereinen. Wie es bei den nicht-vereinsgebundenen Reitern aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Im Vergleich zu anderen Kreisen sind wir noch so etwas wie ein gelobtes Land, was auch daran liegt, dass unsere Vereine sehr aktiv sind. Wir haben sogar zwei neue Turnier in unserem Veranstaltungskalender, so viele hatten wir seit mindestens zehn Jahren nicht mehr. Und so weit ich das beurteilen kann, stehen auch unsere Sponsoren weiterhin treu zum Reitsport.

Klingt fast zu schön um wahr zu sein.

Bartsch Ich fürchte, das sich das in absehbarer Zeit aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung ändern wird — und das nicht zum Guten. Die Züchter merken es jetzt schon, sie bleiben buchstäblich auf ihren Pferden sitzen, vor allem denen im mittleren Leistungs- und Preissegment.

Woran liegt das?

Bartsch Das hat eindeutig gesellschaftlich-finanzielle Gründe. Der Reitsport ist 'die' Sportart der Mittelschicht, und genau die ist doch im Moment am meisten gebeutelt. Sie werden in einem Reitstall wenig Spitzenverdiener und auf der anderen Seite des Spektrums wenig Hartz-IV-Empfänger finden. Was Sie aber finden, ist eine qualifizierte Mittelschicht — von der lebt der Reitsport, und die bricht gerade weg.

Befürchten Sie Stallschließungen?

Bartsch Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Wir hatten im Kreisverband einen Betrieb, der in Schwierigkeiten geraten war, weil er sein Angebot ausschließlich auf das hochpreisige Segment ausgerichtet hatte. Der hat sich inzwischen umgestellt und ist dadurch wieder in ruhigeres Fahrwasser gekommen. Wer sich am Normalverbraucher orientiert, sollte überleben können, vor allem dann, wenn er Qualität anbietet. Unsere Pferdebetriebe profitieren dabei davon, dass fast überall hochqualifizierte Profis arbeiten.

Neben der wirtschaftlichen Entwicklung droht dem Reitsport von anderer Seite Ungemach: Es gibt weniger Kinder, und die wenigen sitzen bis zum Nachmittag in der Schule.

Bartsch Der Ganztags- und Nachmittagsunterricht wird zum Riesenprobleme für unsere Ställe. Früher begann der Schulungsbetrieb um 14.30 Uhr, spätestens um 15 Uhr. Wenn Sie sich heute umhören, bekommen Sie zur Antwort, dass es sich nicht mehr lohnt, Reitstunden für Kinder und Jugendliche vor 17 oder sogar 18 Uhr anzubieten. Und wenn die Kinder dann in den Stall kommen, sind sie meist so geschafft vom Schulunterricht, dass es ihnen schwer fällt, sich zu konzentrieren.

Wie kann der Reitsport dem begegnen?

Bartsch Indem wir dafür sorgen, dass der Reitsport in den Schulunterricht integriert wird. Und das nicht nur zum Wohle des Reitsports, denn wo sonst lernen Heranwachsende soziale Kompetenz und die Übernahme von Verantwortung so gut wie im Umgang mit einem Pferd?

Ist der Reitsport für diese Herausforderung gerüstet?

Bartsch Leider nein. Wobei ich der Meinung bin, dass das nicht von Kreis- oder Landesverbänden gelöst werden kann, sondern von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zur Chefsache erklärt werden müsste. Zur Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass der Pferdesport in den vergangenen Jahren mit so vielen Problemen konfrontiert wurde, dass man mit dem Entwickeln von Konzepten gar nicht mehr nachkam. Und Reitsport im Schulunterricht ist nicht so leicht zu bewerkstelligen wie Fußball oder Hockey.

VOLKER KOCH FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(NGZ/rl)