Special Olympics : Corona-Krise trifft auch GWN-Sportler hart

Diplom-Sportlehrer Thomas Gindra ist in den Gemeinnützigen Werkstätten Neuss nun vor allem als Psychologe gefragt.

Die Anordnung der Stadt Neuss als Reaktion auf den Erlass des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW ist an Eindeutigkeit nicht zu überbieten: „Alle Teilnehmenden von Berufsbildungsmaßnahmen und Mitarbeitende im Arbeitsbereich dürfen die Räume der GWN nicht mehr betreten.“ In Zeiten von Corona-Pandemie und steigenden Infektionszahlen ohne Zweifel richtig, Thomas Gindra, als diplomierter Sportlehrer für Rehabilitation und Behindertensport auch Vorsitzender des überaus erfolgreichen Sport-Teams der Gemeinnützigen Werkstätten Neuss, macht indes klar, was das in der Praxis heißt.

Zwar kam das Verbot nicht überraschend, schon in den Tagen zuvor war das Programm auf Schwimmkurse für psychisch Kranke im direkt an der Betriebsstätte in Allerheiligen gelegenen Hallenbad beschränkt worden. Doch mit dem Match der in der 3. Kreisklasse spielenden Tischtennis-Herren am 12. März gegen Tabellenführer 1. NTTC Stadtwald IV (3:8) erwischte die Krise die GWN-Sportler mit voller Wucht. Nichts geht mehr.

Und das trifft Gindras Schützlinge gleicht doppelt: Zum einen fehlt ihnen jetzt die so wichtige körperliche Betätigung, zum anderen trägt gerade der Sport zur Persönlichkeitsentwicklung und Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft bei. Zusätzlich belastet sieht Gindra zudem die Wohnheime, die gar nicht auf eine ganztägige Betreuung eingerichtet seien. „Jetzt sitzen dort alle in den Einrichtungen zusammen, das Problem hat sich also nur verschoben.“

Da er mit seinen Athleten trotz der gebotenen professionellen Distanz natürlich im engen Kontakt steht, erfährt er ganz unmittelbar, was das für sie im Alltag bedeutet. Selbst ein auch international hochdekorierten Topmann wie Stefan Nellessen, der gemeinsam mit seiner ebenfalls behinderten Freundin ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben führt, benötige in dieser prekären Situation intensive Unterstützung. „Du merkst schon, wie hart das für einige ist. Sie mögen kognitiv eingeschränkt sein, aber sie kriegen natürlich mit, was um sie herum passiert, dass Menschen sterben. Ich haben in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt, um ihnen die Sorgen zu nehmen.“ Dabei verhalten sich die in den Einrichtungen der GWN betreuten Menschen oft sogar wesentlich verantwortungsbewusster als Nichtbehinderte. Gindra: „Unser Klientel hat mitunter Schwierigkeiten, die hygienischen Anforderungen zu erfüllen, etwa sich die Hände nach jedem Kontakt 20 bis 30 Sekunden zu waschen, aber sie halten sich an die Anweisungen. Wenn du ihnen sagst, sie sollen zu Hause bleiben, dann machen die das auch.“ Umso mehr brachte ihn zu Beginn der Krise auf die Palme, „wenn du ganze Gruppen gesehen hast, die sich wie im Urlaub verhielten. Dass es lange so viel Unvernunft gab, frustriert mich sehr.“

Als Vizepräsident Sport von Special Olympics Deutschland ist er immerhin erleichtert, dass die nationalen Winterspielen für Menschen mit geistiger Behinderung im Berchtesgadener Land Anfang März noch ohne größere Einschränkungen stattfinden konnten. Das von der GWN seit Jahren veranstaltete Tischtennisturnier am Wochenende in der Stadionhalle musste dagegen auf November verschoben werden. Von der Corona-Krise unmittelbar betroffen sein könnten in seinen Augen sogar die Weltspiele von Special Olympics 2023 in Berlin. Für die Vorbereitung und Ausrichtung hatte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages 2018 insgesamt 35 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Gindra: „Schon im Vorfeld sind da ungezählte Gespräche zu führen, aber mit Sponsoren brauche ich im Moment gar nicht zu reden – die haben andere Sorgen.“

Selbstverständlich geht Covic-19 auch an seinem Arbeitgeber nicht spurlos vorüber. „Wir sind ein produzierendes Gewerbe, haben Aufträge, die wir bearbeiten müssen.“ Obwohl er sich trotz der Schließungen über mangelnde Beschäftigung nicht beklagen könne, „so eine Phase ist immer hilfreich für Büro- oder Räumarbeiten in der Halle“, sei er durchaus bereit, „unserer Firma drei, vier Wochen unbezahlten Urlaub anzubieten. Diese Gedanken sind schon da, das wäre mir die Sache wert – auch fürs Gemeinwohl.“ Eine klare Meinung hat er außerdem in Sachen Verschiebung Olympia 2020 in Tokio (jetzt 23. Juli bis 8. August 2021). „Da musste einfach eine Entscheidung her – dieser Schwebezustand war für alle unerträglich.“