Protestkundgebung der Sempell-Mitarbeiter: Beschäftigte bangen um 330 Arbeitsplätze

Protestkundgebung der Sempell-Mitarbeiter : Beschäftigte bangen um 330 Arbeitsplätze

Von Petra Schiffer

Von Petra Schiffer

Steht das Korschenbroicher Traditionsunternehmen Sempell vor dem Aus? In einem spontanen Streik mit Trillerpfeifen und Plakaten, die den Sensenmann und rote Stopp-Schilder zeigten, marschierten am Donnerstag gut 200 Beschäftigte der Sempell AG in Korschenbroich in die Verwaltung des Betriebs, um ihrem Ärger und ihrer Angst Luft zu machen. Unterdessen tagte der Aufsichtsrat hinter verschlossenen Türen. Weil Umstrukturierungen im Gespräch sind, sehen die Mitarbeiter ihre Jobs in Gefahr. "Wir werden unsere Arbeitsplätze nicht kampflos ausgeben", sagt Josef Houben, Vorsitzender des Betriebsrates von Sempell. Gemeinsam mit seinen Betriebsratskollegen Klaus Ferber (rechts) und Jürgen Büsch organisierte er am Donnerstag eine Protestaktion, während der Aufsichtrat tagte und über die Zukunft des Werks beriet. NGZ-Fotos: M. Reuter

Sempell ist eine Tochter des amerikanischen Konzerns Tyco mit Hauptsitz auf den Bermudas. Das Unternehmen hat zahlreiche Firmenstandorte in ganz Europa mit unterschiedlichen Geschäftsbereichen. In Korschenbroich werden verschiedene Arten von Armaturen produziert, unter anderem für Braunkohle- und Kernkraftwerke. Seitdem vor einigen Monaten der Aufsichtsrat von Sempell neu besetzt worden ist, brodelt die Gerüchteküche: Die Mitarbeiter vermuten, dass Geschäftsbereiche zusammengezogen werden sollen, damit nur noch ein Produkt an jedem Standort hergestellt wird.

"Im schlimmsten Fall wird das Werk hier in Korschenbroich ganz zugemacht", sagt Jürgen Büsch, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates. Im Gespräch ist aber auch, dass die Felder Kernenergie und Regelarmaturen weiterhin in Korschenbroich produziert werden, die anderen Bereiche jedoch in ein italienisches Werk abwandern. In diesem Fall würde die Hälfte der insgesamt 330 Arbeitnehmer ihren Job verlieren. "Das wäre der Anfang vom Sterben auf Raten", meint Büsch. Dann sei es eine Frage der Zeit, bis der Betrieb endgültig seine Pforten schließe. "Obwohl wir sicher sind, dass die Würfel bereits gefallen sind, tappen wir vollkommen im Dunkeln", sagt Betriebsratsvorsitzender Josef Houben. "Und diese Situation ist untragbar."

Auch Zlatko Sednak, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, findet deutliche Worte: "Im Werk herrscht Hoffnungslosigkeit und Unverständnis. Niemand weiß genau, woran er ist, aber die Verantwortlichen vertrösten uns und weigern sich, konkrete Aussagen zu machen, ob und in welchem Umfang Jobs abgebaut werden." Vorwürfe richten die Sempell-Mitarbeiter nicht nur an den eigenen Vorstand, der in ihren Augen ihre Interessen nicht nachdrücklich genug gegenüber dem Aufsichtsrat vertritt. Auch von den Verantwortlichen in der Stadt und den Politikern sind die Arbeitnehmer enttäuscht. "Seit 126 Jahren ist Sempell ein wichtiger Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb in Korschenbroich", betont Betriebsratsmitglied Klaus Ferber, der seit 44 Jahren bei Sempell arbeitet. "Wir hätten uns in dieser schwierigen Lage mehr Unterstützung gewünscht."

Für rund eine Stunde legten 200 Mitarbeiter von Sempell spontan ihre Arbeit nieder. Sie haben Angst, dass ihre Jobs Umstrukturierungen zum Opfer fallen.

Bereits in den vergangenen Jahren musste die Sempell-Belegschaft schmerzhafte Einschnitte hinnehmen: 1996 arbeiteten noch 600 Menschen in dem Korschenbroicher Werk, zeitweise wurden bis zu 40 Lehrlinge ausgebildet. Nach internen Umstrukturierungen im vergangenen Jahr blieben 330 Angestellte und neun Auszubildende übrig. "Alle haben nach dem Umbau die Zähne zusammen gebissen", erzählt Ferber. "Das Ergebnis: Der Umsatz stieg auf 100 Millionen Mark im Jahr, die Auftragslage ist gut, und es fallen zahlreiche Überstunden an, die von uns ohne Klagen übernommen werden." Dieses Engagement interessiere die Konzernspitze jedoch wenig.

Aufgeben wollen die Sempell-Mitarbeiter dennoch nicht. "Wir sind zu Allem bereit und werden nach der Auftakt-Protestaktion weiter Druck machen", betont Houben. "Wir haben ein Recht darauf zu erfahren, wo die Reise hingeht, damit wir auf diese Entwicklungen reagieren können." Geschäftsführer Wolfgang Breme weist die Vorwürfe des Betriebsrates zurück. "Natürlich ist diese unsichere Situation unbefriedigend, für mich genauso wie für die anderen Mitarbeiter, denn auch mein Job steht auf dem Spiel", sagt er. "Der Vorstand kämpft jedoch genauso um den Erhalt der Arbeitsplätze - nur auf einer andere Ebene."

Noch sei nichts entschieden, erst im Juli rechne er mit endgültigen Aussagen. Im internationalen Vergleich habe es der deutsche Standort jedoch vergleichsweise schwer.

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