Sportpolitik: Bayers Rotstift "trifft uns brutal"

Sportpolitik : Bayers Rotstift "trifft uns brutal"

Viereinhalb Jahre nach ihrem Ausstieg aus der Spitzensportförderung setzt die Bayer AG erneut den Rotstift in Sachen Sport an: Ab 2015 werden nur noch sechs Großvereine in Leverkusen, Uerdingen und Dormagen unterstützt. Die anderen 21 Bayer-Klubs trifft der Rückzug hart.

Eugen Velker hat Glück. Der Vorsitzende des Tennisclubs Bayer Dormagen hat sein Berufsleben bei der Bayer AG bereits hinter sich. Als Pensionär braucht der promovierte Chemiker deshalb kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Was Velker auch nicht tut, spricht man ihn auf die Entscheidung an, die die Bayer AG am Dienstagabend ihm und weiteren 20 Vorsitzenden bislang werks-geförderter Vereine an den Standorten Leverkusen, Uerdingen und Dormagen mitteilte: In den nächsten zwei Jahren zieht sich der Konzern sukzessive aus der Förderung dieser Vereine mit insgesamt 8000 Mitgliedern zurück, stellt sie ab 2015 gänzlich ein, um sich "zukünftig auf sechs Großvereine (zu) konzentrieren.

Diese erhalten pro Jahr Fördergelder in Höhe von rund 13 Millionen Euro. Damit können die Aktivitäten im Breiten-, Jugend- und Behindertensport auf sehr hohem Niveau fortgeführt werden", heißt es in einer gestern verbreiteten Pressemitteilung der Bayer AG.

"Das trifft uns hart und brutal", sagt Velker, "hier wird an unserer Existenz gerüttelt." Ein Drittel des Jahresbudegts konnte der 750 Mitglieder (davon 250 Jugendliche) starke Tennisklub, der über 17 Außen- und drei Hallenplätze verfügt, aus den Bayer-Zuschüssen bestreiten. Was Velker besonders stört, ist "die Kürze der Zeit, um auf derartige Veränderungen zu reagieren. Immerhin reden wir über eine sechsstellige Summe."

Der TC-Vorsitzende sieht nur eine Möglichkeit, einem wirtschaftlichen Kollaps des Vereins zu entgehen: "Das werden wohl unsere Mitglieder auffangen müssen. Was Sponsoren angeht, ist doch in Dormagen alles abgegrast." Denn der Rückzug der Bayer AG macht es höchst unwahrscheinlich, dass sich andere Unternehmen aus dem "Chempark" in Sachen Sportförderung engagieren — diese Erfahrung musste auch Handball-Bundesligist DHC Rheinland machen.

"Da wollen einige, aber sie trauen sich nicht", sagt DHC-Aufsichtsratschef Heinz Hilgers. Der Dormagener Alt-Bürgermeister weiß um die Schwierigkeiten der Vereine: "Der Chempark umfasst zwei Drittel unserer Gewerbefläche. Wenn da keiner mitmacht — wo sollen denn da Sponsorengelder herkommen?"

Fehlen den sechs bisher werksgeförderten Vereinen die Bayer-Gelder, dürfte der Kampf an der Sponsorenfront noch härter werden in Dormagen. Die Hinweise in der gestern veröffentlichen Presseerklärung, diese Vereine könnten sich als Abteilung einem der Großvereine anschließen oder "mit neuen Sponsoren weiter arbeiten", klingen da wahlweise blauäugig oder zynisch. Eugen Velker ist denn auch "enttäuscht über die Salamitaktik, wie das soziale Engagement des Konzerns nicht nur im Sport immer weiter 'runtergefahren wird."

Im Mai 2007 hatte die Bayer AG bereits die Gelder, die bis dahin als "Sportwerbung" deklariert zur Förderung des Spitzen- und Leistungssports in die Vereine geflossen waren, gestrichen — im Konzernjargon ist von einer "besseren Balance des sozialen Engagements an den deutschen Standorten" die Rede. "Bayer wird auch in Zukunft einer der größten Unterstützer des Sports in Deutschland sein — unabhängig von unserem Engagement im Profi-Fußball", betont Michael Schade, Leiter der Bayer-Unternehmenskommunikation.

Dem Wassersportclub (WSC) Bayer Dormagen ist damit nicht geholfen. Der Verein mit 276 Mitgliedern, in der Vergangenheit Heimstatt von Weltmeistern und Olympiateilnehmern im Kanu-Slalom, wird ebenfalls von der Förderliste gestrichen. Daraufhin wurde für heute eine außerordentliche Vorstandssitzung anberaumt — erst danach, so Geschäftsführerin Birgit Schmitz, wolle man sich äußern.

(NGZ/rl)
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