Lokalsport : Außer Kontrolle

Blau-Weiss Neuss steuert dem Abstieg entgegen – der Verein kann nur tatenlos zusehen

Blau-Weiss Neuss steuert dem Abstieg entgegen — der Verein kann nur tatenlos zusehen

Lokalsport: Außer Kontrolle
Foto: NGZ

Jesse Huta Galung kann einem leid tun. Sechs Mal hat der 23 Jahre alte Niederländer bislang in der Tennis-Bundesliga den Schläger geschwungen für den TC Blau-Weiss Neuss, dabei eine ausgeglichene Bilanz von drei Siegen und drei Niederlagen eingefahren. Einstellen auf seine Gegner konnte sich Jesse Huta Galung allerdings kaum: Ein Mal war er Spitzenspieler, zwei Mal durfte er an Position zwei die Kohlen aus dem Feuer holen, drei Mal lief er an Position vier des Deutschen Rekordmeisters auf.

Jesse Huta Galung ist kein Einzelfall. Nicht in der Tennis-Bundesliga. Und schon gar nicht beim TC Blau-Weiss Neuss. Der Tabellendrittletzte, vor dem "Show-Down" am letzten Spieltag (Samstag ab 13 Uhr) nur durch das um ein Spiel bessere Matchverhältnis von einem Abstiegsplatz entfernt, hat ein einziges Mal in dieser Saison die gleiche Formation aufs Feld geschickt: Das war am fünften und sechsten Spieltag, als die Neusser zwei Heimspiele innerhalb von 48 Stunden zu bestreiten hatten. Ansonsten wurde munter durchgewechselt: Außer Huta Galung haben nur noch Tomas Tenconi (ein Sieg, vier Niederlagen), Daniel Gimeno-Traver (3:2) und Maximo Gonzalez (2:2) mehr als drei Spiele bestritten. Vier Akteure aus der 14 Namen umfassenden Meldeliste kamen gar nicht zum Einsatz — neben den "Alibi-Deutschen" Tristan Hallmann und Max Hertl auch die an den Positionen vier und sechs gemeldeten Robin Haase und Flavio Cipolla.

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An Antonio Comporto, am zweiten Spieltag in Aachen eingesetzt, dürfte sich kaum noch jemand erinnern. Ebenso wenig wie an Sebastian Trinker, der bei seinen ersten beiden Bundesliga-Einsätzen nicht einen Satz gewann. Und auch Matwe Middelkoop brachte aus seinen drei Partien keinen Satz, dafür aber ein Spielverhältnis von 23:38 in die blau-weisse Bilanz ein.

Die ist dank Fehleinkäufen und Fehleinschätzungen so schlecht — 44:71 Sätze, 427:511 Spiele — dass sich die beiden hinter Neuss platzierten Aufsteiger aus Bremerhaven und Espelkamp noch Chancen auf den Klassenerhalt ausrechnen. "Wir haben jetzt ein echtes Endspiel vor der Brust. Da wird es viel von den Nerven der einzelnen Akteure abhängen. Umso ärgerlicher ist es, dass wir gegen Aachen so viele Chancen auf ein besseres Ergebnis ausgelassen haben", sagt Espelkamps Teamchef Tobias Löhbrink mit Blick auf den direkten Vergleich der Schlusslichter am Samstag in Bremerhaven. Freilich: Aus eigener Kraft kann nur Espelkamp die Klasse halten — wenn es höher gewinnt als Neuss zur gleichen Zeit gegen Mannheim. Bremerhaven nützt selbst ein 6:0-Sieg nur dann etwas, wenn Blau-Weiss mindestens einen Punkt abgibt. Bei einem 5:1- oder 4:2-Sieg können sich die Nordlichter nur dann retten, wenn Neuss das Duell der Altmeister verliert.

Das wollen die Blau-Weissen tunlichst vermeiden. Zu diesem Zweck soll noch einmal eine starke Formation auf die Aschenplätze an der Jahnstraße geschickt werden. "Wir Sponsoren werden dafür noch einmal ins Portemonnaie greifen", kündigt Dr. Udo Titz, Geschäftsführer der Segro Deutschland, an (die NGZ berichtete). Doch Weltranglistenplätze sind in der Bundesliga noch lange keine Sieggarantie. In Espelkamp traten die Neusser mit drei Akteuren aus den Top-Hundert an, der Spitzenspieler der Gastgeber, Paolo Santos, war auf Rang 227 zwanzig Plätze schlechter gelistet als Jesse Huta Galung, die Neusser Nummer vier. Trotzdem verlor Blau-Weiss mit 2:4. Auch in Amberg und gegen Essen war Blau-Weiss nominell besser besetzt und kassierte Niederlagen. Weil das keine Mannschaft sei, sagen Kritiker aus dem Vereinsumfeld — und davon gibt es reichlich in diesen Tagen. "Das ist noch nicht mal eine zusammengekaufte Truppe, sondern eine zusammengewürfelte", sagt ein Mitglied des Bundesliga-Ausschusses, "da steckt kein Konzept hinter."

Die Kritik richtet sich an Marc Raffel. Der 45-Jährige ist nicht nur Team-Manager der Bundesliga-Mannschaft, sondern auch zusammen mit Lutz Steinhöfel Geschäftsführer der SVH Sportmarketing GmbH, die im Auftrag des Vereins die Bundesliga sportlich und wirtschaftlich abwickelt. Einfluss kann der TC Blau-Weiss Neuss e.V. keinen nehmen — der letzte, der das versuchte, der damalige Präsident Dr. Helmut Alex, trat 2004 aus diesem Grund zurück. Sein Nachfolger Norbert Reiß nahm im vergangenen Jahr vorzeitig seinen Hut. Seither wird der Klub von den ehemaligen Bundesliga-Spielern Jochen Hierl und Lutz Steinhöfel geführt — der eine Trainer, der andere Teamchef der Bundesliga-Truppe. Hierl ist im übrigen auch als Trainer in der von Marc Raffel betriebenen "Asics-Tennis-Base" tätig.

Als einzige Kontrollinstanz wirkte bisher der Mann, der als Mäzen und Manager die zehn Deutschen Meistertitel des TC Blau-Weiss überhaupt ermöglichte. Doch Ernst-Ludwig Hansmann hat sich aus gesundheitlichen Gründen fast gänzlich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, war in dieser Bundesliga-Saison erst ein Mal auf der Anlage an der Jahnstraße. Kommt er am Samstag, muss er vielleicht miterleben, wie sein Lebenswerk den Bach 'runter geht — egal, ob Jesse Huta Galung an Position eins oder an vier aufläuft.

(RP)