„Gott sei Dank, die Saison ist vorbei.“: Aus und vorbei

„Gott sei Dank, die Saison ist vorbei.“: Aus und vorbei

Von Volker Koch

Von Volker Koch

Alexander Koke saß, die Flasche Licher Pils in der linken Hand, kratzte sich mit der rechten die zerschundenen Füße und ließ einen langen Stoßseufzer über die Tribüne der sich langsam leerenden Hüttenberger Sporthalle erklingen: "Gott sei Dank, die Saison ist vorbei." Der Mittelmann, mit 175 Toren erfolgreichster Werfer in den Reihen des TSV Bayer Dormagen, sprach aus, was die meisten seiner Mannschaftskollegen dachten nach dem letzten Pflichtauftritt der Spielzeit 2004/2005, dem 38. insgesamt, der mit einem 33:29 (Halbzeit 16:10) bei Schlusslicht TV Hüttenberg den 26. Sieg bescherte.

Koke, vor Beginn dieser Saison von der MSG Melsungen/Böddiger nach Dormagen gewechselt, wusste nicht so recht, ob er sich über das Erreichte freuen sollte: "Jetzt bin ich zum dritten Mal hintereinander Dritter geworden - kaufen kann ich mir nichts dafür." Minuten vorher hatte das noch anders ausgesehen: Da tanzten die Bayer-Handballer ausgelassen über das ramponierte Parkett der Hüttenberger Sporthalle, die schon bessere Tage gesehen hat als diesen Samstagabend; schließlich gehörte der TV Hüttenberg von der Gründung der eingleisigen Bundesliga bis zum Abstieg 1985 der Eliteklasse an, brachte mit Horst Spengler den Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft von 1978 hervor.

Jetzt verschwinden die Hüttenberger wieder in der Drittklassigkeit. Ihr Gegner von Samstag hingegen peilt höhere Ziele an: "Platz drei war das Optimale, was wir aus dieser Mannschaft und dieser Saison herausholen konnten", sagte Koke dann doch nach einigem Nachdenken und ein paar Schlucken aus der Licher-Flasche, "jetzt wollen wir mehr." Und Wille kann bekanntlich Berge versetzen. Dass sie davon schon jetzt eine gehörige Portion besitzen, ließen die Dormagener beim Saisonfinale noch einmal aufblitzen: Verlieren wollten sie die Partie vor immerhin 1050 Zuschauern, darunter eine Hundertschaft aus Dormagen, auf keinen Fall.

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Als das bedauernswerte Schlusslicht, das schon früh fast aussichtslos (9:16, 30., 11:18, 32.) zurücklag, Tor um Tor herankam, über 20:23 (41.) bis auf 23:25 (45.) und 24:26 (50.) verkürzte, da stemmten sich die Gäste noch einmal mit aller Macht und letzter Kraft gegen die drohende Wende: "Wir wollten das Ding' unbedingt gewinnen", meinte Peter Sieberger, der der etwas schläfrigen Abwehr in der Schlussphase den nötigen Adrenalinstoß gab. Kein ganz leichtes Unterfangen, denn es lief nicht mehr allzu viel zusammen im Dormagener Rückraum. David Meyer fehlte ganz einfach die Kraft, Alex Koke spürte die schmerzenden Füße ("so lange es noch um Platz zwei ging, steckst du so etwas weg. Aber die letzten vier, fünf Spiele war das verdammt schwer", gab der Mittelmann zu), beim zuletzt starken David Breuer ging gar nichts an diesem Abend.

Michael Kopeinigg und Martin Baekhoej, der wegen eines Knorpelschadens im Knie wohl seine aktive Laufbahn beenden muss, beim TSV Bayer aber in anderer, noch nicht genau definierter Funktion verbleiben wird, saßen wie seit Wochen nur auf der Tribüne - wo sollte da die nötige Energie herkommen? In seinem vielleicht letzten Pflichtspiel für den TSV Bayer sprang ausgerechnet Matthias Aschenbroich in die Bresche, traf mit sieben Toren so oft wie schon lange nicht mehr. "Aber auch erst, nachdem wir ihm gesagt habe, er soll lieber werfen als ungenaue Pässe spielen", sagte Co-Trainer Sven ter Veer. Und legte damit genau den Finger in die Wunde, die eine Vertragsverlängerung mit "Aschi" so schwierig macht: "Bei ihm weiß man nie, wo man dran ist", urteilt Trainer Kai Wandschneider über das "enfant terrible" auf der rechten Rückraumposition.

Diesmal reichten seine sieben Treffer im Verbund mit ordentlichen Leistungen der Kreisläufer Kjell Landsberg (7) und Oliver Tesch (4), von Linksaußen Michiel Lochtenbergh (8/4) und der Torhüter Matthias Reckzeh (vor der Pause) und Joachim Kurth (ab der 42. Minute) zum Sieg beim Schlusslicht. Ob das auch für (noch) höhere Ambitionen reicht, ist schwer abzuschätzen. Ausfälle, egal ob verletzungs- oder formbedingt, kann sich der TSV dann nämlich nicht mehr leisten. "Es war eine anstrengende Saison", bilanzierte Wandschneider, als er um ein Uhr am Sonntagmorgen am Höhenberg aus dem Auto stieg, und hatte auch Zahlen parat, um das zu beweisen: "Wir waren heute neun Stunden unterwegs - und das war unsere kürzeste Fahrt."

(NGZ)
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