Tennis : Endlich wieder dieses Kribbeln im Bauch

Fast drei Monate haben Tennisspieler in Deutschland auf diesen Moment gewartet: Seit Dienstagmorgen, 10 Uhr, fliegen bei einem Turnier wieder Bälle übers Netz. Eindrücke vom ersten Turniertag der DTB German Pro Series auf der Anlage des TC Blau-Weiss Neuss.

Philipp Petzschner hatte sichtlich Spaß, als er Klubhaus des TC Blau-Weiss Neuss verließ: „Da hängt ja mein Bild noch in der Hall of Fame.“ Tatsächlich ziert das Konterfei des 35-Jährigen, der von 2005 bis 2007 für die Blau-Weissen in der Bundesliga spielte und drei Jahre später im Gespann mit dem Österreicher Jürgen Melzer die Doppelkonkurrenz in Wimbledon gewann, die stattliche Ahnengalerie prominenter Köpfe aus den großen Neusser Tennistagen.

Die sind vorbei, aber nicht vergessen. „Und vielleicht ist dieses Turnier ja ein Schritt auf dem Weg in die Zukunft,“ sagt Reiner Breuer. Der Neusser Bürgermeister freut sich, dass der Deutsche Tennisbund das Jahnstadion als einen von insgesamt elf Turnierstandorten für die neu geschaffene DTB German Pro Series ausgewählt hat. Acht deutsche Tennisprofis, vom 18-jährigen Benito Sanchez-Martinez bis zu Daviscup-Star Jan-Lennard Struff, ermitteln dort bis Freitag jene vier Spieler, die in die Zwischenrunde einziehen, von denen eine vom 24. bis 27. Juni wiederum in Neuss ausgetragen wird. Für alle ist es der erste Auftritt unter Wettkampfbedingungen seit Anfang März, als die Corona-Pandemie den Sportbetrieb weltweit lahmlegte.

Fachsimpeln über Tennis: BW-Vize Lutz Steinhöfel und Junioren-Bundestrainer Philipp Petzschner (r.). Foto: Andreas Woitschützke

Entsprechend ist die Stimmung: „Als ich die Anlage betrat, habe ich endlich wieder dieses Kribbeln im Bauch gespürt,“ beschreibt Oscar Otte seine Gefühlslage. Der Kölner, auf der seit März eingefrorenen Weltrangliste an Position 217 geführt, ist neben Struff Favorit auf das „Endspiel“ der beiden Gruppenersten am Freitagnachmittag. Der 26-Jährige gehört zu jenen Tennisprofis, die zwar von ihrem Sport leben können, dafür aber zwingend auf die Preisgelder der allwöchentlich auf dem Programm stehenden Turniere angewiesen sind.

Tennisfan sein wie Ex- BW-Vorsitzender Matthias Stechmann (M.) geht in diesen Tagen nur mit Hygienekonzept. Foto: Andreas Woitschützke

Drei Monate Zwangspause reißen da schon ein Loch ins Portemonnaie bei jemandem, dessen offizielle Gewinnsumme die ATP mit 496.713 Dollar angibt. Wie groß das Loch ist, zeigt ein Blick auf die Bilanz für 2020 – die weist gerade mal bescheidene 16.970 Dollar aus. Dabei ist beinahe schon das halbe Jahr vorbei. „Und wir wissen ja nicht, wann die Tour weitergeht,“ sagt Jan-Lennard Struff.

Der als 34. der Weltrangliste und mit einer Gewinnsumme jenseits der fünf Millionen Dollar sicher eher von den Rücklagen leben kann. Weshalb der gebürtige Warsteiner feststellt: „Ich war dankbar, dass mir die Pause Gelegenheit gegeben hat, viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen.“ Auch Oscar Otte sagt: „Man hatte viel Zeit für andere Sachen.“ Aber er sagt auch: „Es war keine einfache Zeit.“ Schließlich müssen Profis wie er von den eingespielten Geldern Trainer, Physios und vielfach auch die Reisen zu den Turnieren bezahlen – von Steuern ganz zu schweigen.

Doch die Probleme, die die Zwangspause mit sich bringt, allein auf das Finanzielle zu reduzieren, ist zu simpel. „Irgendwann spürst du ein Gefühl der Leere,“ sagt Kai Wehnelt. Der 24-Jährige gehört zu jenen Spielern, die oft Studenten sind und nicht vom Tennisspielen leben können, aber für den Turnierzirkus unverzichtbar sind – weil jedes Turnier Spieler, weil jeder Spieler Gegner braucht. Seine bisher höchste Platzierung auf der Weltrangliste ist Position 513, zu seinen Erfolgen gehört ein Sieg bei den „Benazir Bhutto Shaheed ITF Future-Championships“ im pakistanischen Islamabad.

Am Dienstag an der Neusser Jahnstraße brachte er zum Auftakt den Zeitplan durcheinander. Denn mit dem drei Jahre älteren Julian Lenz, wie Wehnelt aus Bad Homburg im Taunus stammend, lieferte er sich ein Marathonmatch. Nach zwei Stunden und 27 Minuten verließ er mit einem 6:7, 6:3, 6:4-Sieg den Center-Court – und sorgte so für die erste Überraschung dieser Vorrunde, schließlich ist Julian Lenz gut 300 Plätze höher in der Weltrangliste eingestuft als sein hessischer Landsmann.

In den anderen Matches – ab 10 Uhr werden jeweils vier pro Tag auf dem gleichen Platz gespielt – lief es glatter. Wenngleich vielleicht nicht ganz so glatt, wie es Top-Favorit  Struff erwartet hatte, der sich gegen den erst 18-jährigen Benito Sanchez-Martinez mit 6:2, 6:4 durchsetzte. Und dem im ersten Satz gleich zwei Doppelfehler in Folge unterliefen. „Nach einer längeren Pause brauchen die Spieler immer eine Weile, um wieder ihren Rhythmus zu finden und ihre wahre Leistung abzurufen,“ hatte Michael Kohlmann, sein Teamchef im Davis-Cup, bereits im Vorfeld des Turniers vorhergesagt.

Philipp Petzschner sieht das ähnlich. Deshalb begrüßt der neue Jugend- und Junioren-Bundestrainer nicht nur die Turnierserie, die „sein“ Verband recht kurzfristig aus dem Boden gestampft hat, sondern auch deren eher ungewöhnlichen Modus. „Durch die Gruppen- und Platzierungsspiele hat jeder garantiert vier Spiele in dieser Woche. Es macht doch keinen Sinn, mit einem Spiel zu starten und dann im Falle einer Niederlage wieder 100 Tage aufs nächste Spiel zu warten.“ Schließlich brauchten die Spieler ein Ziel, auf das sie hinarbeiten könnten, „sonst macht das Training irgendwann keinen Sinn.“