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Auf dem Rotsee rudert Alexandra Höffgen ums Olympia-Ticket für Tokio

Rudern : Deutschland-Achter auf Olympia-Kurs

Auf dem legendären Rotsee bei Luzern will Alexandra Höffgen vom Neusser Ruderverein ihren großen Traum endlich wahr werden lassen.

Am Mittwoch saß Alexandra Höffgen im Flieger, der die Ruderinnen des deutschen Frauenachters von Hamburg nach Zürich brachte. Von dort ging es über die A4 und A14 in etwa 45 Minuten zum nahe der Stadt Luzern gelegenen Rotsee, wo bis Montag die letzten Tickets für die Olympischen Spiele in Tokio vergeben werden. Ein Nervenspiel.

Dabei hat die 27 Jahre alte Ausdauerathletin des Neusser Rudervereins gerade erst ein Drama überstanden. Denn nach Platz fünf bei den Europameisterschaften Anfang April  in Italien war ein Tsunami durch das deutsche Boot gefegt, entfacht von Bundestrainer Tom Morris. Der Australier, ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein von 56 nationalen und 22 internationalen Medaillen, drückte den Resetknopf. Plötzlich war wieder alles möglich und jedes seiner Mädels in Gefahr, den längst sicher geglaubten Platz im Achter kurz vor dem großen Showdown doch noch zu verlieren. Nun ist Alexandra Höffgen eine ziemlich taffe Frau, die so schnell nichts aus der Bahn wirft. „Doch das war schon heftig und echt stressig“, räumt sie ehrlich ein.

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Als sich der Sturm gelegt hatte, gab es eine neue Crew: Sophie Oksche (Ingolstadt), mit der Höffgen 2018 und 2019 den DM-Titel im Zweier geholt hatte, musste ebenso gehen wie Anna Härtl (Potsdam) – mit beiden hatte sich die Neusserin während ungezählter Trainingslager und vor Wettkämpfen das Zimmer geteilt. Sie kämpfen auf dem Rotsee nun im Zweier um ihren Traum von Olympia. Auch Ida Kruse (Münster) sah die Rote Karte. Schicksale, die natürlich auch Höffgen, deren Rolle im „Maschinenraum“ als Vierte hinterm Bug unangetastet blieb, nicht kalt lassen. „Für mich persönlich ist das schon extrem schade.“ Neu im Boot sind die aus den USA zurückgekehrte Tabea Schendekehl (Dortmund), Michaela Staelberg (Krefeld) und Pia Greiten (Osnabrück) – und damit hat die ehemalige Basketballerin der TG Neuss selbstverständlich überhaupt kein Problem: „Schließlich soll das schnellste Boot, das mit den besten Chancen auf die Olympia-Quali, fahren. Ich habe ja nix davon, wenn ich meinen Platz sicher habe, aber in einem schlechten Achter sitze.“ Zumal die harten, aber wohl notwendigen Entscheidungen für alle nachvollziehbar sind. Höffgen: „Klar, hundertprozentig objektiv ist so was nie, aber man kann das relativ gut in Daten erfassen. Es gilt halt das Leistungsprinzip.“ Das abschließende Trainingslager auf dem Ratzeburger See habe darum vor allem dem Feinschliff gedient, sagt sie: mehr Technik, weniger Umfänge und Intensität.

Da Ausdauersportler indes auch immer wahre Trainingsweltmeister sind, standen bis zum Abflug in die Schweiz pro Tag mindestens zwei Einheiten auf dem Programm, die letzte am Mittwochmorgen gegen 7.30 Uhr. Nur Olympia zählt. „Ich weiß gar nicht mehr, welchen Wochentag wir eigentlich haben“, sagt Höffgen schmunzelnd und bringt damit die Stimmungslage auf den Punkt. Um trotzdem kühlen Kopf zu bewahren, vertrauen sie und ihre Teamkolleginnen auf die Dienste von Sportpsychologen. „Das ist schon hilfreich und hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern ist eine gute Ergänzung.“ Im Notfall könnte sogar der Bundestrainer helfen, hat Morris doch einen Uni-Abschluss in Psychologie.

Und damit zur Konkurrenz: Bei den für die Olympia-Qualifikation bedeutungslosen Europameisterschaften auf dem Lago di Varese Anfang April musste der Deutschland-Achter noch den Rivalinnen aus Rumänien, den Niederlanden, Russland und Großbritannien (schon für Tokio qualifiziert) den Vortritt lassen. Fünftes Boot in Luzern ist China  – ein kaum einzuschätzender Konkurrent. Auch nach dem Bahnverteilungsrennen am Samstag dürften noch nicht alle Karten auf dem Tisch liegen, gilt der Rotsee doch als sicheres und ausgesprochen faires Revier, so dass es nicht nötig ist, sich im Vorlauf eine günstigere Bahn zu sichern. Und der Auftrag für das Finale am Montag ist eh klar. Höffgen: „Es heißt alles oder nix! Wir müssen mindestens Zweiter werden, egal wie!“ Kein anderer Gedanke hat Platz in ihrem Kopf, zumal selbst ein Scheitern nicht das Ende aller Ambitionen sein muss, stehen im Herbst doch noch die Weltmeisterschaften an.

Eine (große) Sorge ist sie mittlerweile los: „Anfang des Monats wurden wir geimpft.“ Was, bitteschön, soll da jetzt noch schiefgehen?