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Unterm Dach des VfR Neuss kickt chinesisches Team: Asiatische Mentalität und deutsche Disziplin

Unterm Dach des VfR Neuss kickt chinesisches Team : Asiatische Mentalität und deutsche Disziplin

"Bis wohin die Ozeane reichen, wirst du Chinesen finden", prophezeit eine alte chinesische Weisheit. Fürwahr, in Zeiten multikultureller Gesellschaften freilich keine Seltenheit. Aber dass sich ein Häuflein zusammengewürfelter Studenten aus dem Land der aufgehenden Sonne den disziplinierten, körperbetonten, kämpferischen, wettbewerbsorientierten Ansprüchen des deutschen Fußballs stellt, ist trotzdem noch immer nicht unbedingt alltäglich. Aller Anfang war schwer für die chinesischen Fußballer des VfR Neuss. Doch mittlerweile hat die von Peter Kämpf trainierte Truppe den Dreh raus - in ein bis zwei Jahren soll sogar der Aufstieg in die Kreisliga B gelingen. Kämpf: "Wir wollen deutschen Fußball mit Einsatz, Zweikampfstärke und Disziplin spielen." NGZ-Foto: L. Berns

"Bis wohin die Ozeane reichen, wirst du Chinesen finden", prophezeit eine alte chinesische Weisheit. Fürwahr, in Zeiten multikultureller Gesellschaften freilich keine Seltenheit. Aber dass sich ein Häuflein zusammengewürfelter Studenten aus dem Land der aufgehenden Sonne den disziplinierten, körperbetonten, kämpferischen, wettbewerbsorientierten Ansprüchen des deutschen Fußballs stellt, ist trotzdem noch immer nicht unbedingt alltäglich. Aller Anfang war schwer für die chinesischen Fußballer des VfR Neuss. Doch mittlerweile hat die von Peter Kämpf trainierte Truppe den Dreh raus - in ein bis zwei Jahren soll sogar der Aufstieg in die Kreisliga B gelingen. Kämpf: "Wir wollen deutschen Fußball mit Einsatz, Zweikampfstärke und Disziplin spielen." NGZ-Foto: L. Berns

In der Quirinus-Stadt hält allen Widrigkeiten zum Trotz eine Mannschaft wacker das chinesische Fähnchen: der VfR Neuss III. Als bundesweit einziger in dieser Zusammensetzung eingetragener Verein kicken die Asiaten bereits in ihrem dritten Jahr in der Kreisliga C. Bislang allerdings ohne nennenswerten Erfolg: Die Truppe um Trainer Peter Kämpf musste bislang jede Menge Lehrgeld bezahlen, bekam des öfteren kräftig die "Hucke voll", kassierte gelegentlich sogar Packungen in zweistelliger Höhe.

Dennoch: von Abschreckung oder Nullbock-Stimmung nicht die geringste Spur. Hängende Kopfe, gar Resignation - Fehlanzeige. "Wir stecken momentan in einem Lernprozess, müssen uns langsam an den deutschen Fußball gewöhnen", betont Kapitän Yuxiong Liu. Verständlich, schließlich ist aller Anfang schwer. Der Sprung vom Hobby-Fußballer ins Amateur-Lager auf Kreisebene ist durchaus gewagt und keineswegs ein Kinderspiel.

Am Anfang stand der Wille, der unbändige Drang, sich reizvolleren Herausforderungen zu widmen. Vier Jahre traten die chinesischen Studenten aus Uni-Städten von Dortmund bis Köln auf dem holprigen Rasen am Südpark in Reuschenberg vor den Ball - wöchentlich aus Lust und Laune. An der Seite von VfR-Urgestein Kämpf liebäugelten die pfeilschnellen, zudem technisch versierten Chinesen als Neuling keck mit dem Durchmarsch, witterten ihre Chance. Doch es haperte an allen Ecken und Enden: Erhebliche Sprachprobleme erschwerten die Umsetzung der taktischen Vorgaben.

Zwar sprühte die Truppe regelrecht vor Spielfreude, tendierte vollen Eifers allerdings dazu, chaotisch, überhastet, teils ungestüm und undiszipliniert zu Werke zu gehen. "Beim ersten Training rannten alle dem Ball hinterher", reflektiert Kämpf seine ersten Erfahrungen mit der asiatischen Mentalität. Zwei völlig gegensätzliche Welten prallten aufeinander. Davon ließ sich der 54-Jährige jedoch nicht abschrecken, verschwendete keinen Gedanken daran, die Brocken hinzuschmeißen.

Auch nicht, als seine Elf im ersten Spiel mit einer 0:7-Pleite beim RS Horrem II flugs auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Schon damals zeichnete sich ab, welch ungemein große Arbeit Kämpf in seiner Funktion als Trainer zu meistern hatte. Stück für Stück setzte sich der Zug in Bewegung, kam ganz schleppend in Fahrt. Verbale Ausraster gegenüber dem Mann in Schwarz, endlose Dispute an der Seitenlinie blieben zunehmend auf der Strecke, die anfängliche Ballverliebtheit wich der mannschaftlichen Geschlossenheit.

"Die unrühmlichen Auftritte gehören endgültig der Vergangenheit an", freut sich der Trainer. Mittlerweile hat er sich nicht zuletzt durch seinen unermüdlichen Einsatz Respekt verschafft. Die "Jungs" hören auf sein Kommando, wissen die direkte Art des "Nüssers" bestens zu schätzen. Die chinesische Unpünktlichkeit, die zu Beginn für das ein oder andere irritierte, ja konsternierte Gesicht beim Coach sorgte, bedurfte jedoch der Gewöhnung.

Ohne Anzeichen von Hektik oder Panik trudeln seine Spieler knappe 15 Minuten vor Anstoß ganz gemach auf der Sportanlage ein. Andere Länder, andere Sitten. Eines steht jedenfalls fest: Schluss mit den Aussetzern der Vergangenheit. Der Blick richtet sich nach vorne. "In ein bis zwei Jahren wollen wir aufsteigen", gibt Kämpf die Marschrichtung klar vor. Das spielerische Potenzial dazu besitzt die Truppe zweifellos. "Wir wollen deutschen Fußball mit Einsatz, Zweikampfstärke und Disziplin spielen", fordert Lui. Denn er versichert: "Die deutschen Tugenden sind in China gut bekannt." Christian Erbs

(NGZ)