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Fußball: Anfang geht mit einem weinenden Auge

Fußball : Anfang geht mit einem weinenden Auge

Wenngleich seine berufliche Zukunft bei Bayer Leverkusen liegt, den SCK bezeichnet der Ex-Profi als Herzensangelegenheit.

Kapellen/Stommeln Draußen ist es nass und usselig an diesem Morgen, doch drinnen in der Bäckerei Kayser ist Markus Anfang schon um kurz nach 8 Uhr auf Betriebstemperatur. "Ich bin ein Frühaufsteher", sagt der 38-Jährige. Die Frühstücksgäste am Nebentisch nehmen kaum Notiz von dem mit seinem Handy beschäftigten Ex-Profi, man kennt sich halt im zu Pulheim gehörenden Stommeln, schließlich bringt der Familienvater hier fast jeden Tag seine Tochter zur Schule.

Doch jetzt ist Fußball angesagt, und Anfang ist direkt voll bei der Sache. "Wenn ich im Fußball was erreichen will, muss ich für den Fußball leben", stellt er fest, die weit aufgerissenen Augen kompromisslos auf den Gesprächspartner gerichtet. Von dieser Leidenschaft hat der SC Kapellen in den vergangenen zweieinhalb Jahren extrem profitiert – in dieser Saison, der ersten als Oberligist, ist die Mannschaft seit zehn Spielen ungeschlagen und belegt zur Winterpause hinter dem Krösus KFC Uerdingen den geradezu sensationellen zweiten Tabellenplatz. "Kapellen ist eine Herzensangelegenheit für mich", versichert der langjährige Bundesliga-Kicker, "ich hätte mir für den Start als Trainer keine bessere Mannschaft wünschen können."

Und doch hat er sich dazu entschlossen, seine Karriere am Nachwuchsleistungszentrum des Erstligisten Bayer 04 Leverkusen fortzusetzen. Noch allerdings ist der Vertrag nicht unterschrieben, im Rahmen seines Praktikums soll weiterhin die Ausbildung zum Fußballlehrer im Fokus stehen. Die Entscheidung für den Wechsel schon zur Winterpause, betont er, sei in enger Absprache mit dem SCK gefallen. Hätte der Verein nicht zugestimmt, hätte er das Gespräch mit Jürgen Gelsdorf, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums in Leverkusen, gesucht. "Ich wäre geblieben, hätte irgendjemand in irgendeiner Form gelitten. Ich habe keinen im Stich gelassen. So, wie die Sache jetzt gelaufen ist, gibt es nur Gewinner, das ist eine Win-win-Situation."

Dass Anfang den Start in den bezahlten Fußball mit reinem Gewissen angeht, sieht er als Ergebnis kluger Planung. "Ich habe von Anfang an darauf bestanden, einen Co-Trainer an meiner Seite zu haben, der für mich übernehmen kann, wenn ich mich sportlich verbessern kann." Den nach der Saison ohnehin anstehenden Schritt jetzt schon zu tun, sei sogar von Vorteil für den Verein: "Die Mannschaft ist Tabellenzweiter, meine Nachfolger Klaus Schütz und Lars Schuchardt haben also ein halbes Jahr Vorlaufzeit, um sich ohne den ganz großen Druck einzuarbeiten. Das ist doch eigentlich ein absoluter Glücksfall. Die Jungs kriegen das auch ohne mich hin, natürlich, jeder ist zu ersetzen."

Dass er das Erftstadion trotzdem mit einem weinenden Auge verlässt, liegt an seinen Jungs und der sehr emotional geprägten Beziehung, die weit über das normale Maß hinausgeht. Er war nicht nur als Coach gefragt, sondern auch als Berater, kümmerte sich etwa nach Verletzungen um geeignete Rehamaßnahmen oder sammelte Informationen bei anerkannten Spezialisten wie dem seit mehr als 30 Jahren im Profifußball beschäftigten Physiotherapeuten Bernd Restle (Fortuna Düsseldorf). Sein Credo: "Intensive Arbeit mit der Materie lohnt sich." Natürlich habe er auch Glück gehabt, in Kapellen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. "Ich habe eine richtig gute Mannschaft vorgefunden, Talente, die auch charakterlich hundertprozentig in Ordnung sind. Es ist uns gelungen, die Probleme als Team anzugehen – genau das ist das große Faustpfand nicht nur für die Rückrunde, sondern auch für die Zukunft. Da wächst eine Mannschaft mit Format zusammen."

Draußen ist es inzwischen hell geworden, zwei Stunden sind einfach nicht genug, um Leidenschaft pur in Worte zu fassen. Die Pflicht ruft, doch bevor sich Anfang zu seinem neuen Job bei Bayer aufmacht, sagt er noch das: "Ehrlichkeit, Respekt, Anstand – dafür stehe ich! " Und seine Augen funkeln dabei ...

(NGZ)