Handball : Das völlig neue Bayer-Gefühl

Analyse Mit 16 Punkten auf der Habenseite und dem sechsten Tabellenplatz hatte drei Spieltage vor Ende der Hinrunde niemand gerechnet beim TSV Bayer Dormagen. Doch zu einem Spitzenteam der Zweiten Handball-Bundesliga fehlt den Dormagenern noch die nötige Konstanz.

Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Schon gar nicht im Handball, schon gar nicht in einer Zweiten Liga, die praktisch an jedem Wochenende mit verrückten Ergebnissen aufwartet. Trotzdem kann man drei Spieltage vor Ende der Hinrunde getrost von einem völlig neuen Bayer-Gefühl sprechen.

Das vermittelt allein schon der Blick auf die Tabelle, die den TSV Bayer Dormagen als Sechstplatzierten aufweist, mit nur vier Punkten Rückstand auf die Plätze zwei und drei. So gut standen die Bayer-Handballer zuletzt, als sie unter Kai Wandschneider um den Aufstieg in die Erste Liga spielten – und das ist mehr als ein Jahrzehnt her. Wenn sie am Samstagabend in der Westpress-Arena beim ASV Hamm Westfalen (3.) auflaufen, ist das tatsächlich ein Spitzenspiel.

Zumindest der Tabelle nach. Dass sie am Höhenberg noch keine Spitzenmannschaft haben, davor verschließt beim TSV Bayer zum Glück keiner die Augen. „Wir haben jetzt sieben Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz“, stellte Handball-Geschäftsführer Björn Barthel nach dem 33:30 über Erstliga-Absteiger SG Bietigheim fest. Das ist mehr als Zweckpessimismus, denn in dieser engen Liga kann das Pendel auch ganz schnell in die andere Richtung ausschlagen. Doch selbst, wenn die Dormagener aus ihrem hammerharten Restprogramm des Jahres (in Hamm, gegen TuSEM Essen, in Lübeck und in Aue) keinen Zähler mehr holen sollten, dürften sie auf einem einstelligen Tabellenplatz in die EM-Pause gehen – und das ist mehr, als sie sich selbst vorgenommen hatten.

Das ist kein Glück. Die Mannschaft scheint gereift, hat den Abgang ihrer beiden Top-Torschützen der vergangenen Saison, Tim Wieling und Lukas Stutzke – der Neu-Nationalspieler erlebte den Sieg über Bietigheim auf der Tribüne mit – mehr als nur kompensiert. Was nicht heißt, dass sie sich nicht immer wieder schwer erklärbare Aussetzer (wie die erste Halbzeit in Hüttenberg) leistet. Doch abgesehen vom Debakel in Krefeld, dem der Aufsteiger seine immer noch einzigen Saisonpunkte verdankt, ist es ihr meistens gelungen, dies in denkwürdigen Aufholjagden wieder wett zu machen.

Erst wenn er diese Schwächephasen abgelegt hat, kann der TSV Bayer tatsächlich zu einer Spitzenmannschaft werden – das Zeug dazu haben die Dormagen auf jeden Fall. Die Frage wird nur sein, wie lange diese Mannschaft in dieser Besetzung zusammen spielt, denn die (jungen) Leistungsträger dürften schon jetzt auf den Zetteln finanzstärkerer Zweit- und Erstligisten stehen. Ob sie gut beraten wären, zu so einem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere zu wechseln, sei dahin gestellt – so viele Spielanteile wie in Dormagen werden sie anderswo kaum erhalten.

Die andere Frage, die der Höhenflug aufwirft, ist die nach den Fans. 1042 Zuschauern gegen Erstliga-Absteiger Bietigheim sind eine enttäuschende Kulisse für eine Mannschaft, die bisher zu den positiven Überraschungen dieser Saison zählt und überdies publikumsnah und sympathisch auftritt. Wo waren die restlichen anderthalbtausend, die ein paar Wochen zuvor gegen den VfL Gummersbach für Gänsehaut-Stimmung sorgten, am Samstagabend? Nur von solchen „Event-Fans“ wird ein ambitionierter Klub auf Dauer nicht leben können.

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