Am 1. August 2018 gibt es wieder eine Tour de Neuss

Radsport : Es gibt wieder eine Tour de Neuss

Baustellen auf dem Rundkurs, Unstimmigkeiten mit der Stadt – die Tour de Neuss stand lange auf der Kippe. Doch jetzt sollen am 1. August wieder mehr als ein halbes Dutzend Radprofis aus der Tour de France in Neuss starten.

Irgendwann hatte Stephan Hilgers genug. Genug von zeitraubenden, zermürbenden Gesprächen. Genug von all den Knüppeln, die dem 62-Jährigen auf seinem Weg, Neuss’ publikumsträchtigste Sportveranstaltung auf die Beine zu stellen, zwischen selbige geworfen wurden. Drei Wochen vor dem im Radsportkalender vorgesehenen Termin der Tour de Neuss drohte der Vorsitzende des Neusser Radfahrervereins (NRV), die Brocken hin zu schmeißen.

„Dann hätten wir die Tour absagen müssen“, sagt sein Stellvertreter Barthel Winands. So weit wird es nicht kommen. Die Wogen sind inzwischen (ein wenig) geglättet, der Vorsitzende macht weiter. Zumindest bis zum 1. August. Dann steht die 17. Auflage des Radsportspektakels auf dem Programm, wie immer am Mittwoch nach dem Ende der Tour de France. Aus der sollen dann wieder mindestens ein halbes Dutzend Radprofis über den Rundkurs mit Start und Ziel an der Kaiser-Friedrich-Straße rollen, mit Vorjahressieger André Greipel an der Spitze, auch wenn der am Donnerstag aus der Frankreich-Rundfahrt ausstieg.

Deren Engagement in Neuss zu finanzieren ist nicht das Problem. „Unsere Sponsoren stehen treu zur Tour de Neuss, es sind sogar neue hinzu gekommen“, sagt Stephan Hilgers. So ist beispielsweise erstmals die RheinLand Versicherungsgruppe im Topf der (wenigen) großen und (vielen) kleinen Förderer vertreten. Was Hilgers und der Radfahrerverein hingegen vermissen, ist Unterstützung über das Materielle hinaus. „Alle finden die Tour de Neuss toll, aber bei der Umsetzung stehen wir stets alleine da“, sagt der NRV-Chef. „Wir“ – das sind Hilgers, Winands, Geschäftsführer Heinz Hegger und eine Handvoll Mitstreiter, die meisten aus dem gerade mal 40 Mitglieder starken Radfahrerverein.

Keine neue Situation. Weshalb die Stimmung in diesem Jahr eskalierte, hat viel mit den Baustellen in der Neusser Innenstadt zu tun. Die auf der Kanalstraße macht am 1. August eine geänderte Streckenführung unumgänglich. Zur Zeit lässt sich der Kreuzungsbereich mit der Breite Straße höchstens mit Mountainbikes befahren. In den anderthalb Wochen bis zum Renntag soll eine Asphaltdecke aufgetragen werden, die mit dünnen Rennradreifen problemlos befahrbar sein soll. Diese Zusage hat der NRV in zahlreichen Gesprächen bis hin zu Bürgermeister Reiner Breuer ausgehandelt. Den nimmt Stephan Hilgers ausdrücklich aus, wenn er sagt: „Wir kommen uns vor wie Bittsteller. Dabei machen wir das alles ehrenamtlich, dabei ist eine Veranstaltung wie die Tour de Neuss doch auch im Interesse der Stadt.“ Weil die Kanalstraße komplett aus dem Rundkurs gestrichen werden muss, wird der am 1. August fast doppelt so lang wie bisher, führt jetzt am Amtsgericht vorbei und über die Hochstraße zurück auf die Kaiser-Friedrich-Straße. Das hat Folgen: Die Fahrer kommen wesentlich seltener an Start und Ziel vorbei, wo sich auf der Wiese an der Ecke Deutsche Straße der größte Teil der Zuschauer – im vergangenen Jahr kamen 20.000 – tummelt. Und für den neuen Kurs werden fast doppelt so viele Absperrgitter benötigt wie bisher.

Nicht der einzige Faktor, der die Kosten in die Höhe treibt.  Stephan Hilgers macht eine einfache Rechnung auf: „Bisher flossen 60 Prozent unseres Etats an die Fahrer, die restlichen 40 zu gleichen Teilen in Rücklagen und in die Organisation. Inzwischen haben sich die Kosten für die Organisation verdoppelt.“ Weil das nicht zu Lasten der Qualität im Fahrerfeld gehen soll, bedeutet das eine Erhöhung des Etats, der im mittleren fünfstelligen Bereich liegt. Wobei der NRV-Chef die nicht bloß rhetorisch gemeinte Frage stellt: „Welcher Sponsor zahlt schon gerne für Absperrgitter oder die Bereitstellung von Rettungskräften?“

Was ihn letztlich zum Weitermachen bewog, war ein Besuch am Sonntag im Tour de France-Etappenort Roubaix. Und die Erkenntnis: „Radsport ist so eine geile Sache.“ Um davon ein Stück nach Neuss zu holen, macht Stephan Hilgers die Faust in der Tasche. Zumindest bis zum Abend des 1. August. Was danach kommt, weiß nicht mal er selbst.

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