Tennis : Als Neuss Tennisgeschichte schrieb

Mit dem Lokalduell gegen den Gladbacher HTC wäre der TC Blau-Weiss Neuss am Sonntag in seine 38. Spielzeit in der Tennis-Bundesliga gestartet. Doch die wurde erstmals seit der Liga-Gründung im Jahre 1972 abgesagt – gute Gelegenheit für einen Rückblick auf große Tenniszeiten.

Der 25. September 1983 müsste eigentlich einen festen Platz in der Neusser Stadtgeschichte einnehmen. An diesem Sonntag wurden der TC Blau-Weiss Neuss zum ersten Mal Deutscher Mannschaftsmeister im Tennis. 6:3 setzten sich die Neusser um Teamchef Günther Thoms gegen den LTTC Rot-Weiss Berlin durch, am Tag zuvor hatten sie im Halbfinale dem damaligen Endrunden-Gastgeber TC Amberg am Schanzl mit einem 7:2-Sieg den Weg ins Endspiel und damit zum sechsten Titelgewinn in Folge verbaut.

Nun ist das mit dem Stellenwert des Sports so eine Sache in Neuss, deshalb dürfte das Datum kaum in einer städtischen Chronik zu finden sein. Dabei gab es Zeiten, als die Neusser „ihren“ Tennisclub geliebt haben. Als Michael Stich vier Wochen nach seinem Wimbledonsieg im Sommer 1991 mit Iphitos München an der Jahnstraße auflief, platzte die Anlage aus allen Nähten. 5000 Zuschauer bedeuteten einen weder zuvor noch danach erreichten Rekord. Doch auch die Endrundenmatches in den Jahren zwischen 1984 und 1992 sorgten stets für bestens gefüllte Tribünen. Und das nicht nur auf dem Center-Court. Auch rund um die „Löwengrube“, jenen Platz direkt an der Jahnstraße, der den Nummern fünf und sechs im Aufgebot vorbehalten war, drängten sich meist mehr Fans als in den vergangenen Jahren während eines gesamten Bundesligaspiels gezählt wurden – und das beileibe nicht nur in Neuss.

Zwei ganz Große ihrer Tennis-Ära: Andreas Maurer und der viel zu früh verstorbene Michael Westphal (v.l.). Foto: M. Reuter/Reuter, Michael (mreu)

Es war die Zeit, als der TC Blau-Weiss „der“ Werbeträger für Neuss war. Zumindest da, wo selbst Tennis gespielt wurde, war der Klub von der Jahnstraße ein Begriff. Eigentlich kein Wunder, denn in den achtziger und frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts versammelte Ernst-Ludwig „Elu“ Hansmann dort für jeweils zwei Monate alles, was im Tennis Rang und Namen hatte – zeitweise stand die gesamte deutsche Daviscup-Mannschaft mit Eric Jelen, dem „Mann mit dem goldenen Arm“ an der Spitze, bei ihm unter Vertrag.

Prägten lange Jahre Neusser Tennisgeschichte: Lutz Steinhöfel, Günther Thoms, Hans Grimmelt und Lars Koslowski (v.r.). Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Hansmann, 2014 im Alter von 76 Jahren verstorben, nannte sich selbst in aller Bescheidenheit „Leistungsreferent“. Andere nannten ihn einfach „Mister Blau-Weiss Neuss“. Ohne ihn und sein Geld wären die Erfolge, die zehn Deutschen Meistertitel und der von ihm so sehnlichst erwünschte Triumph im Europapokal, nicht möglich gewesen. Geld, das er selbst beisteuerte und über seine unglaublichen Verbindungen und Beziehungen als Geschäftsmann, der sich vom winzigen Lebensmittelmarkt in Selikum bis zum Herrn über alle Famka-Märkte empor gearbeitet hatte, bei anderen einsammelte.

Mäzene im Sport, vor allem in der Tennis-Bundesliga, gab (und gibt) es auch anderswo. Doch sie schufen meist das, was man in der Musikbranche „One Hit Wonder“ nennt – nach ein oder zwei Spielzeiten erloschen die Sterne genau so schnell wie sie aufgegangen waren. Hansmann bewies langen Atem, immerhin musste er nach dem Aufstieg 1978 fünf Jahre auf den ersten Titelgewinn warten. Und er schwang sich nicht – Kardinalfehler vieler Mäzene – zum Alleinherrscher auf, sondern schuf Strukturen, die, wenn auch in deutlich abgespeckter Form, Tennis an der Jahnstraße auch nach seinem Tod überdauern ließen.

Doch zurück zu jenem Tag, der  einen festen Platz in der städtischen Chronik haben müsste. Um 15.30 Uhr, hielt der Chronist fest, hatte an diesem Sonntag „das Zittern ein Ende: Der Schweizer Doppel-Weltmeister Heinz Günthardt, Nummer eins der Neusser, machte mit einem sicheren Passierball zum 6:1 im dritten Satz gegen den Wimbledon-Halbfinalisten von 1980, den Australier Rod Frawley, den Titelgewinn perfekt.“ Klingt zwar nicht wie das Ende der Belagerung durch Karl den Kühnen in der Wierstraet-Chronik, kommt aber gleich danach.