Sportgeschichten (114): Als der TSV Bayer fast den Europacup gewann

Sportgeschichten (114): Als der TSV Bayer fast den Europacup gewann

Am Dienstag jährt sich zum 25. Mal das Europapokal-Finale zwischen den Dormagener Handballern und Teka Santander.

Dormagen Es klingt paradox: Das größte handballerische Ereignis, das der Rhein-Kreis je erlebt hat, fand auf der anderen Rheinseite statt. Genauer gesagt: in der Wilhelm-Dopatka-Halle in Leverkusen. Am Dienstag sind es genau 25 Jahre, dass der TSV Bayer Dormagen dort im Endspiel des IHF-Europapokals auf Teka Santander traf - und die Spanier mit 24:20 besiegte.

Foto: Hans Jazyk

1500 Zuschauer füllten die Rundsporthalle an der Bismarckstraße gerade mal zur Hälfte. Zu Hause, in der liebevoll "Schweinehalle" genannten Dreifachhalle an der Konrad-Adenauer-Straße, hätten sie ausgereicht, um für einen ausverkauften Hexenkessel zu sorgen. Doch die Spielstätte, in der der TSV bis zur Eröffnung des Bayer-Sportcenters im März 2002 all seine Bundesligapartien bestritt, erschien den Verantwortlichen der International Handball-Federation (IHF) nicht Final-tauglich.

Foto: Andreas Woitschützke

Was einen Umzug unumgänglich machte. Selbst die Neusser Eissporthalle wurde als Alternative geprüft - und wegen zu hoher Umbaukosten verworfen. So blieb nur der Weg ins eher ungeliebte Leverkusen. Manch' altgedienter Dormagener Handballfan hat dieses Trauma nie überwunden: "Hätten wir in unserer Halle gespielt, hätten wir das Hinspiel höher gewonnen - und wären Europapokalsieger geworden," sagt Alt-Bürgermeister Heinz Hilgers noch heute. Was ihn nicht daran hinderte, in seiner Funktion als oberster Bürger Dormagens und Edelfan zugleich eine Woche später die Expedition per Charterflug ins damals brütendheiße Kantabrien anzuführen.

Foto: Andreas Woitschützke

Doch das ist eine andere Geschichte. Werfen wir lieber einen Blick aufs Hinspiel, das damals (was für Zeiten!) an einem Samstagnachmittag sogar live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wurde. Und mit einem 24:20-Sieg (Halbzeit 9:10) der Gastgeber - und damit einer Sensation schlechthin endete. Denn der TSV Bayer Dormagen, der die voraufgegangene Saison als Siebter der Gruppe Nord in der wegen der Wiedervereinigung kurzzeitig zweigeteilten Handball-Bundesliga beendet hatte und über den Umweg des einmalig ausgespielten IHF-Liga-Cups in den Europapokal eingezogen war, ging als krasser Außenseiter in die Partie. Sicher, so ganz namenlos war die Truppe des Trainergespanns Hade Schmitz und Michael Biegler dank der international erfahrenen Andreas Thiel im Tor, Christian Fitzek am Kreis und Michael Klemm auf der Regieposition auch nicht.

Foto: Andreas Woitschützke
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Doch für die Mehrzahl des Kaders mit den drei Dormagener Eigengewächsen Dieter Springel, Klaus Dyllong und Norbert Nowak bedeutete das internationale Parkett absolutes Neuland. Auf das sie die ersten Runden auch nur unzureichend vorbereitet hatten. Zur Auftakt gab es in heimischer Halle zwei glatte Siege (30:16, 26:18) über Hapoel Petah Tikva - die Israelis hatten auf ihr Heimrecht verzichtet. Abenteuerlicher verlief dann schon die erste Europacup-Reise nach Sizilien, bei Ortigia Siracusa hielt das dünne Polster aus dem Hinspiel (18:14) angesichts heißblütiger, auch vor diversen Wurfgeschossen nicht zurückschreckender Zuschauer nur mit Mühe (22:20). Runde drei bescherte dann SKA Minsk (29:26, 27:20) - die Weißrussen mit dem legendären Spartak Mironowitsch auf der Bank (als Trainer Olympiasieger 1988 und 1992 mit UdSSR und GUS) hatten ihr "Heimspiel" in die Solinger Klingenhalle verlegt. Und im Halbfinale wartete der zweite deutsche Vertreter SG Leutershausen, der mit 18:14 und 24:24 bezwungen wurde.

Da waren die vom Küchenhersteller Teka gesponsorten Spanier doch von ganz anderem Kaliber. Angeführt vom zweifachen Welthandballer des Jahres (1994 und '96) Talant Dujshebaev, ein halbes Jahr zuvor mit Russland Weltmeister geworden, und Olympiasieger Michail Jakimowitsch, nahmen sie den rheinischen Underdog vielleicht ein wenig auf die leichte Schulter. Der übernahm nach 9:10-Pausenrückstand das Kommando und marschierte dank Treffern von Matthias Schmidt, Jörg Scheuermann (beide 5), Dieter Springel (5/3), Joachim Sproß (3), Maik Handschke, Norbert Nowak (beide 2), Michael Klemm und Karsten Kohlhaas (beide 1) - zum Kader gehörten noch Christian Fitzek, Klaus Dyllong und der nicht eingesetzte Torhüter Christopher Klemme - bis zum Endstand von 24:20 davon.

Zu wenig, wie sich acht Tage später erweisen sollte. Denn mit 3000 Fans im ausverkauften Sportzentrum von Santander im Rücken hatten die Spanier den Rückstand schon zur Pause (14:8) in einen Zwei-Tore-Vorsprung verwandelt und ließen den TSV bis zum Endstand von 26:20 auch nie näher herankommen. Die Enttäuschung wich spätestens bei der traditionellen "Serviettenschlacht" während des Abschlussbanketts schnell dem Stolz über das Erreichte - der 22. Mai 1993 wird wohl auf ewig als bedeutendstes Datum in die heimische Handball-Historie eingehen.

(NGZ)