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38. Sommernachtslauf: Neuss feiert sich und den (Lauf-) Sport

38. Sommernachtslauf der TG Neuss : Neuss feiert sich und den (Lauf-) Sport

Nach den coronabedingten Absagen 2020 und 2021 hatten die Menschen auf und an der Strecke wieder große Lust auf echte Begegnungen.

Der in ganz trüben Momenten befürchtete Super-Gau war bereits am Freitagabend vom Tisch. Nach kurzer Inspektion der bestenlistenfähigen Strecke verkündete Klaus Ehren, Geschäftsführer der veranstaltenden Turngemeinde, erleichtert: „Der Sturm war harmlos in Neuss und somit haben Sportamt und Feuerwehr ,grünes Licht’ für den Sommernachtslauf gegeben.“

Und das war auch gut so, denn irgendwie hatten die Menschen in der bereits um das Jahr 16 v. Chr. von römischen Soldaten an Rhein und Erft als Befestigungsanlage errichteten Stadt auf dieses Comeback gewartet. „Endlich war wieder Leben drin“, stellte Jörg Geerlings bestens aufgelegt fest. Der Landtagsabgeordnete und 2. Vorsitzende der TG Neuss ging auch gleich mit gutem Beispiel voran, lief nach zehn Kilometern Hand-in-Hand mit seiner Frau Marie-Florence, für die die Uhr bei 50:42 Minuten stehenblieb als Zwölfter der Altersklasse M50 über den Zielstrich vor dem Drusushof am Hamtor. „Das ist okay“, sagte der CDU-Politiker, der seit 1999 keinen Lauf ausgelassen hat. „Ich war einigermaßen fit, aber natürlich nicht in Topform.“

 Das begeisterungsfähige Publikum an der Strecke sorgte für die herausragende Stimmung bei der 38. Auflage des Neusser Sommernachtslaufs und machte die bunte Veranstaltung für die Aktiven damit zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Das begeisterungsfähige Publikum an der Strecke sorgte für die herausragende Stimmung bei der 38. Auflage des Neusser Sommernachtslaufs und machte die bunte Veranstaltung für die Aktiven damit zu einem unvergesslichen Erlebnis. Foto: Andreas Woitschützke/Andreas Woitschütze
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Der sture Blick auf Ergebnisse und Zeiten stand beim 1983 zum ersten Mal aufgelegten Evergreen in der Neusser City ohnehin nicht ganz oben auf der Agenda der diesmal 3163 Finisher. Nach coronabedingter Pause zählte mehr noch als sonst vor allem das (sportliche) Miteinander. Ein Volksfest mit, über den Tag verteilt, rund 18.000 Partygästen, wie Polizeihauptkommissar Axel Franke im entspannten Plausch mit Klaus Ehren angab. Und das lieferte Geschichten wie diese: Weil ihre Patenkinder Ben und Phil, deren Vater Martin Czarnietzki (41) im Rhein-Kreis altem Laufadel angehört, in Neuss am Start waren, meldete kurzerhand auch Melanie Kraus für die zehn Kilometer. Die 47-Jährige, Deutsche Meisterin 1999, Siegerin des Frankfurt-Marathons 2007 und Olympiateilnehmerin von 2008, hat ihre erfolgreiche Karriere im Leistungssport zwar längst beendet, ist aber immer noch ziemlich flott unterwegs. Beim Sommernachtslauf deutete zunächst alles auf einen Start-Ziel-Sieg hin, lag sie doch schnell deutlich vor Xenia Vasileiadou. Dass sie die junge Griechin aus Saloniki, deren als Leistungsdiagnostiker am Olympiastützpunkt Köln tätiger Onkel Dr. Argiris Vassiliadis sich am Samstag auf seine Rolle als interessierter Beobachter beschränkte, in der letzten Runde noch abzufangen wusste und sich in 37:30 Minuten vor ihr (37:33) und Nina Ahrens vom SC Myhl (38:37) Platz eins holte, nahm die ehemalige Topläuferin locker. „Ich bin fast 48, sie um die 20. Ich bin etwas zu schnell angegangen und die vielen Jahre im Leistungssport merkst du halt in den Knochen.“

 Eltern-Kind-Lauf: Auf Papas Rücken geht‘s einfach am schnellsten ins Ziel.
Eltern-Kind-Lauf: Auf Papas Rücken geht‘s einfach am schnellsten ins Ziel. Foto: Andreas Woitschützke/Andreas Woitschütze

Das Lächeln gar nicht mehr aus dem Gesicht bekam Xenia Vasileiadou. „Ich habe ein, zwei Runden gebraucht, dann hatte ich raus, wie man auf dieser welligen Strecke mit den vielen Kurven laufen muss. Ich hatte so viel Spaß, das Publikum war großartig. Ich komme im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder.“ Ihren Verdacht, dass ihre Konkurrentin („Es war eine Ehre, mit ihr zu laufen“) sie am Ende absichtlich vorbeigelassen habe, zerstreute Melanie Kraus indes energisch. „Nein, auf keinen Fall. Sie war einfach stärker. Ich habe sie nur angefeuert.“

 Gab in Neuss ihr Debüt über fünf Kilometer: Speerwerferin Linda Stahl (r.).
Gab in Neuss ihr Debüt über fünf Kilometer: Speerwerferin Linda Stahl (r.). Foto: Andreas Woitschützke/Andreas Woitschütze

Überlegene Sieger gab es auch bei den Männern: Über zehn Kilometer spielte Guesch Hagos (TG Neuss) mit der Konkurrenz, sein Platz ganz oben auf dem Treppchen geriet während seines genau 33:33 Minuten dauernden Einsatzes nie in Gefahr. Schon vor dem ersten Getränk war er wieder bei Stimme, um seine Leistung zu beschreiben, benötigte er indes nur ein Wort: „Normal!“ Richard Wilke (Aachener TG), in 34:41 Minuten Dritter hinter dem Mannheimer Hendrik Schmidinger (34:32), verriet derweil, dass er nach seinem mit der Promotion abgeschlossenem Studium „Mathematischer Grundlagen der Informatik“ an der RWTH Aachen wieder nach Neuss und damit auch zur TG zurückgekehrt sei. „Und mit meiner läuferischen Leistung bin ich insgesamt zufrieden.“

Das galt auch für Frederik Ruppert (SV Myhl), der über 5000 Meter in 13:58 Minuten wie angestrebt unter der 14-Minuten-Marke blieb. „Das war top!“ Die Superstimmung an der Strecke habe ihm dabei sehr geholfen, fügte der Deutsche Vizemeister über 3000 Meter Hindernis (8:25,27 Minuten) fröhlich hinzu. „Das war genau die richtige Einstimmung auf die anstehenden Wochen, in denen ich die Norm für die Deutschen Meisterschaften Ende Juni in Berlin und die Europameisterschaften laufen will.“

Diese Ambitionen hegt Linda Stahl nicht mehr. Die Europameisterin von 2010 (66,81 Meter) und Olympia-Dritte von London 2012 (64,91 Meter) im Speerwurf stellte sich in Neuss einer ganz neuen Herausforderung. „Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie fünf Kilometer am Stück gelaufen“, gab die Vizepräsidentin der „Partner für Sport und Bildung“ im Rhein-Kreis Neuss schmunzelnd zu. „Das brauchte ich fürs Speerwerfen ja nie.“ Nach 26:05 Minuten und Platz 21 stellte sie einigermaßen erstaunt fest: „Ich finde Laufen eigentlich langweilig, aber mit den Zuschauern an der Strecke kann ich jetzt schon verstehen, warum Leute das gerne machen.“ Darum könnte sich die 36-Jährige eine Wiederholung durchaus vorstellen. „Aber frühestens im nächsten Jahr. Ich muss mich erst mal erholen.“

Ähnlich empfand Haptom Tedros. Den Neusser, 2019 noch strahlender Sieger über zehn Kilometer, plagten zuletzt Motivationsprobleme. Über fünf Kilometer belegte er in 19:07 Minuten Rang 15.