Handball : Anderswo würden die Alarmglocken schrillen

Analyse Mit einer Niederlage und auf einem Abstiegsplatz verabschiedet sich Handball-Zweitligist TSV Bayer Dormagen in die sechswöchige WM-Pause. Die statistischen Werte verheißen wenig Gutes für den Rest der Saison aus Sicht des Aufsteigers.

Die Tabelle, hat Otto Rehhagel mal gesagt, die Tabelle lügt nie. Nun ist der 80-Jährige zwar Fußball-Trainer, aber wo er Recht hat, hat er Recht. Die Tabelle der Zweiten Handball-Bundesliga weist den TSV Bayer Dormagen vor der sechswöchigen WM-Pause auf einem Abstiegsplatz aus.

Die statistischen Werte sind nicht gut für den Aufsteiger: Viertletzter in der Gesamttabelle, Vorletzter in der Heimtabelle, Drittschlechtester im Torverhältnis. Anderswo wäre angesichts einer solchen Bilanz die höchste Alarmstufe ausgerufen worden. Nicht so beim TSV Bayer Dormagen. Da stellt sich Trainer Ulli Kriebel nach dem Sieg beim abgeschlagenen Schlusslicht in Düsseldorf hin und verkündet: „Wir haben unser Hinrundenziel erreicht.“ Das kann man so sehen, wenn man die Hälfte der angepeilten 30 Saisonzähler zum Maßstab nimmt. Nur: Diese 30 Zähler sind eine fiktive, selbst gesetzte Marke ohne jede faktische Bedeutung, keine offizielle Norm der Handball-Bundesliga (HBL), mit deren Erreichen man ein weiteres Jahr in der Zweitklassigkeit sicher hätte. Man kann durchaus auch mit 33 oder 35 Punkten absteigen.

Fakt ist: Dormagen hat die Hinrunde mit drei Zählern Vorsprung auf den vorletzten Tabellenplatz abgeschlossen – und das in einer Saison und einer Liga, in der selbst der Fünftletzte (!) noch absteigt. Kriebel hat hinzugefügt: „Weil die Mannschaft immer leidenschaftlich gekämpft hat.“ Das hat nie jemand bestritten. An der Mannschaft, an ihrer Zusammensetzung und ihrer Einstellung liegt es nicht, dass die Bayer-Handballer in den jetzt 20 Saisonspielen weit weniger erreicht haben als möglich gewesen wäre.

Eher daran, dass dieser Mannschaft und einzelnen Spielern Dinge abverlangt werden, die sie gar nicht leisten können. In Nettelstedt sollte es Julian Köster richten. Der 18-Jährige, der fünf Tage zuvor zum ersten Mal überhaupt bei einem Zweitliga-Spiel für ein paar Minuten auf der Platte gestanden hatte, sollte den wohl schwierigsten Part übernehmen, den es in der handballerischen Defensivabteilung überhaupt gibt: Als vorgezogene „Speerspitze“ einer 5:1-Deckung, noch dazu gegen den abgezocktesten Rückraum, den diese Zweite Liga zu bieten hat. Eine Aufgabe, an die selbst Routiniers – in Dormagen hat sie früher immer Peter Sieberger erledigt – nur mit dem allergrößten Respekt herangehen. Denn auf dieser Position ist jeder Spieler auf sich allein gestellt, kann ihm anders als im Deckungsverbund kein Nebenmann zur Hilfe kommen.

Kein Vorwurf an Julian Köster, der dafür sogar auf einen Einsatz in der Jugend-Nationalmannschaft verzichtete. Doch das Ergebnis ist bekannt: Nach 20 Minuten führte der TuS N-Lübbecke mit 13:6 – und hätte diesen Vorsprung bis zur Pause wohl zweistellig gestaltet, wenn der TSV Bayer nicht seine Deckung auf eine defensive Variante (mit Köster) umgestellt hätte. Dass die Dormagener die nächsten dreißig Spielminuten mit 19:12 (!) für sich entschieden, dass sie den Abschnitt zwischen der 20. Minute und dem Schlusspfiff mit 23:20 gewannen, zeigt, welch großes Potenzial selbst in dieser ersatzgeschwächten Mannschaft steckt – wenn man sie in Ruhe das spielen lässt, was sie kann.

Um das zu erkennen, braucht man nur einen Blick auf die Resultate der Hinrunde zu werfen: Fünf ihrer sieben Siege feierten die Dormagener, wenn sie dem Gegner weniger als 24 Gegentreffer gestatteten. Und das gelang ihnen in allen fünf Partien mit einer defensiv ausgerichteten Deckung, nicht mit dem Harakiri-Handball, wie er im Nachwuchsbereich so gerne (und dort sicher auch mit einiger Berechtigung) gespielt wird. Denn die Zweite Bundesliga, zumal die vermeintlich „stärkste Zweite Liga der Welt“, ist knallhartes Profigeschäft und eignet sich nur sehr bedingt als Experimentierfeld. Es gibt beim TSV Bayer Dormagen Handballfachleute, die das wissen. Sie haben sogar eine halb-offizielle Funktion. Doch nach Informationen unserer Redaktion darf das aus den ehemaligen Bundesliga-Spielern Tobias Plaz und Joachim Kurth sowie dem langjährigen Trainerausbilder Walter Haase bestehende „Kompetenzteam“ zwar an den Personalplanungen für die nächste Saison basteln, aber sich nicht ins Tagesgeschäft einmischen. Mit zweien der drei spricht der Trainer schon seit Monaten nicht (mehr).

Dabei haben der Austausch von Meinungen und das Anhören (manchmal sogar Annehmen) von Ratschlägen selbst Übungsleitern nicht geschadet, die über mehr Erfahrung als die in zwanzig Zweitliga-Spielen gesammelte verfügen. Man muss ja nicht gleich demokratisch über die Taktik abstimmen – es reicht schon, wenn man die richtige anwendet...

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