Handball : TSV Bayer zeigt endlich sein Potenzial

Das 33:22 über Tabellennachbar Dessau-Roßlauer HV beschert dem Handball-Zweitligisten den bisher höchsten Saisonsieg. Die Abwehr und ein erneut überragender Sven Bartmann verleihen den Dormagenern Sicherheit.

Na bitte, es geht doch. Mit dem dritten Sieg in Serie hat sich der TSV Bayer Dormagen zunächst einmal aus der Abstiegszone der Zweiten Handball-Bundesliga herausgearbeitet. Angesichts von gerade mal zwei Punkten Abstand gewiss nur eine Momentaufnahme – doch die im Vergleich zu vielen voraufgegangenen Partien durchaus souveräne Manier, in der das 33:22 (Halbzeit 14:8) über den Dessau-Roßlauer HV herausgespielt wurde, nährt die Hoffnung, dass der Aufsteiger auf Dauer nicht mehr in jenen Abgrund rutscht, der sich unter dem 15. Tabellenplatz auftut.

Allerdings nur dann, wenn die Bayer-Handballer das auf Dauer beherzigen, was sie gegen streckenweise überforderte Gäste beinahe 60 Minuten aufs Parkett des mit 1058 Zuschauern (und 700 Teddybären für die Dormagener Tafel) gefüllten Sportcenters legten. Und was spätestens seit der Ära von Heiner Brand als Bundestrainer jedem geläufig sein müsste, der sich ernsthaft mit dieser Sportart beschäftigt: Dass nämlich die wichtigen Spiele, egal ob um einen Titel oder um den Klassenerhalt, in der Abwehr gewonnen werden.

Am Höhenberg hat es (zu) lange gedauert, bis sich diese Erkenntnis in den Köpfen der sportlichen Entscheidungsträger durchgesetzt hat. Dabei genügt ein Blick auf die Statistik, um den Wahrheitsgehalt zu erkennen: Vier seiner bisher sechs Saisonspiele hat der TSV Bayer gewonnen, wenn er weniger als 25 gegnerische Treffer zugelassen hat, darunter die jüngsten drei gegen ASV Hamm (24:23), beim HC Elbflorenz (24:23) und am Samstag gegen Dessau. Denn außer der geringen Zahl an Gegentreffern hat eine gut aufgestellte, konzentriert zupackende Deckung zwei weitere angenehme (und im Abstiegskampf vielleicht entscheidende) Nebeneffekte: Sie verleiht dem Angriff die nötige Sicherheit, so dass nicht nach jedem Fehlwurf oder -pass das große Nervenflattern einsetzt. Und sie lässt einen Torhüter nicht auf sich allein gestellt, was sich meist in einer erklecklichen Zahl von Paraden niederschlägt – auch dann, wenn er gegen frei vor ihm auftauchende Angreifer auf sich allein gestellt ist.

Beides war am Samstagabend schön zu beobachten: Die Hausherren verloren nicht die Nerven, wenn vorne mal nicht alles klappte, wenn Dessau, dessen Trainer Uwe Jungandreas konsequent auf die Taktik des siebten Feldspielers setzte, den Rückstand immer mal wieder auf fünf Tore verkürzte und die Chance hatte, es noch enger werden zu lassen. Das hatte in vielen voraufgegangenen Partien noch ganz anders ausgesehen. Und die Hausherren hatten in Sven Bartmann, schon vor einer Woche in Dresden der Held, einen überragenden Schlussmann, der 17 gegnerische Würfe entschärfte und selbst zwei Mal ins verwaiste Dessauer Gehäuse traf. Bartmann legte mit sechs Paraden in den ersten acht Minuten auch den Grundstein für einen Dormagener Blitzstart, „von dem wir uns das ganze Spiel über nicht erholt haben,“ wie Jungandreas zugab. 6:0 führten die Hausherren nach neun Minuten, und es dauerte sage und schreibe zehn Minuten und 51 Sekunden, ehe Gregor Remke der erste Treffer für die Gäste gelang.

Nun haben die Dormagener in der Vergangenheit auch solche Führungen noch verspielt. Doch näher als bis die oben erwähnten fünf Tore, zuletzt beim 17:22 (47.), kam der Dessau-Roßlauer HV nicht heran. Was auch damit zu tun hatte, dass die im ersten Saisondrittel fast schon zum Vereinsprogramm gehörende Wechselorgie im Dormagener Rückraum ausblieb – ob dies aus Mangel an Alternativen (Eloy Morante Maldonado und Benjamin Richter mussten den angeschlagenen Joshua Reuland auf Linksaußen vertreten, Nuno Rebelo blieb mit Rückenbeschwerden auf der Bank) oder dank einer gewissen Einsicht geschah, sei dahingestellt. Daniel Eggert jedenfalls zeigte trotz (oder vielleicht gerade wegen) seines Dauereinsatzes seine bisher beste Saisonleistung, Lukas Stutzke lief in der Schlussphase zu jener Treffsicherheit auf, die dem TSV den mit elf Toren Differenz bislang höchsten Saisonsieg bescherte – einfach, weil sie (und ihre Nebenleute) wussten, wo ihr Platz auf dem Parkett war und was sie dort zu tun hatten. „Diese Mannschaft ist so gut, die muss man einfach nur in Ruhe spielen lassen,“ sagte ein Handballfachmann – dem ist nichts hinzu zu fügen.