Handball : Und wieder fehlen nur ein paar Prozent

Ach, wenn der TSV Bayer Dormagen bloß richtig schlecht wäre, dann wäre alles so einfach. Dann könnte man die Saison abhaken unter dem Motto, dass von einem Aufsteiger in die Zweite Handball-Bundesliga nicht mehr zu erwarten ist als Chancenlosigkeit gegenüber der Konkurrenz.

Doch so einfach ist es nicht. Denn chancenlos ist der Neuling in den bisherigen zwölf Spielen nur zwei Mal gewesen, bei der 21:37-Schlappe in Coburg und dem 27:36-Heimdebakel gegen Eintracht Hagen. Trotzdem haben die Dormagener erst sieben Pluspunkte auf ihrem Konto und stehen nach einem Drittel der Saison da, wo sie auf keinen Fall stehen wollten: auf einem Abstiegsplatz. Der Grund: Immer fehlen ein paar Prozent, um ein Spiel erfolgreich zu beenden. So auch am Freitagabend gegen den Aufstiegsaspiranten HBW Balingen-Weilstetten, denn ein Klassenunterschied war bei der 25:27-Niederlage (Halbzeit 10:12) nicht zu erkennen.

„Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen,“ fasste Gästetrainer Jens Bürkle eine Partie zusammen, die alles andere als nach seinem Geschmack verlief und in der sich seine Schützlinge inklusive des Endstandes nur vier Mal mit mehr als einem Tor absetzen konnten – am „deutlichsten“ beim 12:9 nach 27 Minuten. Die Hausherren ihrerseits lagen elf Mal in Führung, zuletzt beim 25:24 knapp vier Minuten vor dem Schlusspfiff. Solche Spiele, und davon gab es mehrere in dieser Saison, enden normalerweise Unentschieden. Die der Dormagener tun es nicht, weil den Bayer-Handballern in den entscheidenden Momenten die nötige Abgeklärtheit und Cleverness fehlt.

Mal, wie in Hamburg eine Woche zuvor, steht die Deckung falsch, mal, wie gegen Balingen, versucht sich die Offensive nach einer Auszeit 83 Sekunden vor Schluss an einem Spielzug, den sie noch nie in dieser Saison so gespielt hat – und der prompt in den Armen von Balingens Linksaußen Oddur Gretarsson endet. Statt Gleichstand haben die Gäste Ballbesitz und nutzen den sechs Sekunden vor Abpfiff zur endgültigen Entscheidung durch Jannik Hausmann. „Am Ende hat sich unsere Routine durchgesetzt“, sagt Bürkle. So kann man das sehen. Man kann es freilich auch so sehen, dass den Bayer-Handballern zu viele leichte (und leichtfertige) Fehler unterlaufen, die auch einem Aufsteiger nach einem Drittel der Saison nicht passieren dürfen, egal, welches Durchschnittsalter eine Mannschaft hat. Es fehlt an Automatismen, an klar definierten Absprachen, wer welche Auslösehandlungen einleitet und wie sie dann abzulaufen haben. Kurz: Es fehlt an Hierarchie und innerer Führung. Die Mannschaft kämpft, sie spielt streckenweise schön anzuschauenden Handball – doch ohne diese „Basics“ wird der Weg nicht aus der Abstiegszone heraus führen.

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