Handball : Trainerdebatte überschattet das Super-Derby

Solche Handballspiele wie das Derby zwischen TSV Bayer Dormagen und TuSEM Essen (34:35) sieht man selten. Doch das begeisternde Spiel vor 1328 Zuschauern rückt angesichts der Debatte um Trainer Ulli Kriebel in den Hintergrund.

Der Zeitpunkt hätte ungünstiger kaum sein können. Zwei begeisternde Auftritte innerhalb von 72 Stunden, den einen mit einem souveränen Sieg (37:29 in Emsdetten) beendet, den anderen (34:35 gegen TuSEM Essen) denkbar knapp und unglücklich verloren – und dann kommt Björn Barthel in die Kabine und verkündet den Handballern des TSV Bayer Dormagen, dass sie in der kommenden Saison unter neuer Regie trainieren werden, egal wie die erste Spielzeit nach dem Wiederaufstieg in die Zweite Bundesliga endet.

Doch den Zeitpunkt hatte sich der Dormagener Handball-Geschäftsführer nicht selbst ausgesucht. Indiskretionen, in einer Zeitung in Solingen, dem Wohn- und Arbeitsort von Trainer Ulli Kriebel, hatten ihn zum Handeln gezwungen. Entschieden, den am Saisonende auslaufenden Vertrag mit dem 40-Jährigen nicht zu verlängern, hatte sich Björn Barthel schon viel früher. „Nach Beratungen, insbesondere mit den Gesellschaftern und dem sportlichen Kompetenzteam,“ heißt es in der Pressemitteilung, die der TSV Bayer wenige Stunden nach dem Schlusspfiff veröffentlichte.

Barthel sieht die Nicht-Verlängerung eines auslaufenden Vertrages nach wie vor als „ganz normalen Vorgang“, den frühen Zeitpunkt begründet er mit „Planungssicherheit für alle Beteiligten.“ Vor allem für den Verein, denn in den nächsten Wochen stehen Gespräche mit fast einem Dutzend Spielern (und deren Beratern) an, deren Verträge zum Saisonende auslaufen. Dass Lukas Stutzke den TSV dann Richtung Bergischer HC verlässt, für den er vbereits ein Zweitspielrecht besitzt, steht längst fest. Aber auch Eckpfeiler wie Sven Bartmann, Tim Wieling, Daniel Eggert, Ian und Patrick Hüter sind betroffen. Und von den im Sommer geholten Neuzugängen besitzen nur Nuno Rebelo, Joshua Reuland und Benjamin Richter Verträge über das Ende der aktuellen Spielzeit hinaus.

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Die Verhandlungen, sowohl mit eigenen Spielern als auch mit potenziellen Zugängen, begännen in jedem Jahr früher, sagt Barthel. „Und die erste Frage, die die Spieler oder ihre Berater stellen, ist die nach dem Trainer.“ Der, da sind sich der Handball-Geschäftsführer, die Gesellschafter und das Kompetenzteam einig, seinen Job künftig hauptberuflich ausüben soll. „Die gewachsenen Aufgaben und die Bedeutung der Trainerfunktion in unserem Verein machen die vollzeitliche Einbindung eines Trainers am Höhenberg zukünftig unabdingbar,“ heißt es in der Pressemitteilung. Dabei geht es offensichtlich nicht allein um die Leitung des Trainings. „Ein Trainer muss auch für andere Termine, für Sponsorengespräche zum Beispiel, zur Verfügung stehen,“ sagt Barthel.

Ulli Kriebel kann das nicht leisten, da er als Entwicklungs-Ingenieur bei einem mittelständischen Maschinenbau-Unternehmen beschäftigt ist. Der zweifache Familienvater steht nur für die Trainingseinheiten am Abend und die Spiele zur Verfügung. Sportfachlich hält sich Barthel mit Kritik am Übungsleiter zurück: „Die aktuelle Situation zeigt, dass Ulli Kriebel und sein Team auf einem guten Weg sind, das Saisonziel Klassenerhalt in die Tat umzusetzen“, daran ändere auch die Niederlage gegen TuSEM Essen nichts. Trotzdem ist es am Höhenberg ein offenes Geheimnis, dass Kriebel bei Teilen des aus den Ex-Spielern Tobias Plaz, Joachim Kurth und dem langjährigen Trainerausbilder Walter Haase bestehenden Kompetenzteams in der Kritik steht. Die wurde nach dem überaus glücklichen Unentschieden gegen den TV Großwallstadt vor Wochenfrist lauter.

Kritik, mit der sich der 40-Jährige schwer tut. Beim obligatorischen Trainertalk nach dem Spiel am Freitagabend sorgte Kriebel jedenfalls für einen Eklat. Pressesprecher Detlev Zenk hatte die Formulierung von Essens Trainer Jaron Siewert, er habe „zwei fast identische Mannschaften“ gesehen, von denen „die glücklichere“ gewonnen habe, aufgegriffen und den TSV-Trainer gefragt, ob das bedeute, seine Mannschaft sei ein Spitzenteam. „Dazu sage ich nichts, das beurteilen hier doch andere,“ entgegnete Kriebel, beendete damit den Talk und verließ die Halle, ohne für Nachfragen und weitere Gespräche zur Verfügung zu stehen. Ob der 40-Jährige überhaupt bis zum Saisonende auf der Bank sitzen wird, erscheint danach offener denn je.

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