2. Handball-Bundesliga TSV Bayer Dormagen reist zur HSG Konstanz

Handball : Wenn der Mannschaftsbus zum Zuhause wird

Zweitliga-Handballer verbringen viel Zeit in der Halle, aber auch auf der Autobahn. Für die des TSV Bayer Dormagen steht am Wochenende der 1100-Kilometer-Trip nach Konstanz auf dem Programm.

Knapp eine Million Euro beträgt der Etat des TSV Bayer Dormagen in der Saison 2019/20. 50.000 Euro davon muss der Handball-Zweitligist für die Fahrtkosten zu den 17 Auswärtsspielen berappen, das meiste Geld verschlingen die Touren, bei denen eine Übernachtung für den Tross aus Spielern, Betreuern und Offiziellen unumgänglich ist.

So wie an diesem Wochenende. Da steht das Gastspiel bei Aufsteiger HSG Konstanz auf dem Programm. Genau 545 Kilometer liegen zwischen dem Höhenberg und der Schänzle-Halle, in der die Partie am Samstag um 20 Uhr von den Unparteiischen Lucas Hellbusch und Daniel Jansen angepfiffen wird. Für die Bayer-Handballer heißt das: Freitagvormittag Abschlusstraining, 12 Uhr Abfahrt, anschließend Mittagessen im Bus. Gegen 20 Uhr, hofft Björn Barthel, sollte das Mannschaftshotel in Bad Dürrheim, rund 75 Kilometer vor Konstanz im Südschwarzwald gelegen, erreicht sein. Der Handball-Geschäftsführer hat sich allerdings vergeblich bemüht, dort für den Samstagvormittag eine Trainingshalle aufzutreiben. Das Problem: „Hallen dürfen nicht an externe Benutzer vermietet werden. Und die Regeln für die Benutzung von Harz sind in Baden-Württemberg noch strenger als bei uns,“ sagt Barthel.

So bleibt es am Spieltag wohl bei einer Teambesprechung, Mittagessen und einer gemeinsamen Kaffeetafel, bevor der Bus um 17.15 Uhr Richtung Konstanz weiterfährt. 18.30 Uhr soll er an der Schänzle-Halle sein, nach Schlusspfiff und Duschen geht es direkt wieder Richtung Heimat. Abendessen – Pizza oder Nudeln bestellt Betreuer Axel Schönen vor Ort beim Lieferservice – gibt es erneut im Bus, der gegen fünf Uhr am Sonntagmorgen wieder in Dormagen sein soll.

„Das ist alles super-professionell, das sind Bedingungen wie in der Ersten Liga,“ lobt Trainer Dusko Bilanovic die Arbeit seines Geschäftsführers, „die Spieler brauchen sich um nichts zu kümmern und können sich ganz auf das Spiel konzentrieren.“ Trotzdem sagt auch er: „Für die meisten Jungs ist das Neuland. Aber wenn sie professionell Handball spielen wollen, müssen sie sich daran gewöhnen.“ Auch Björn Barthel ist gespannt, welchen Einfluss die äußeren Umstände auf das Spiel nehmen: „Das ist schon eine extrem lange Fahrt. Und wie die Spieler damit umgehen, den ganzen Samstag im Hotel zu verbringen, weiß ich auch nicht.“ Viele schläfert so ein Tagesablauf ein, doch das könnte sich in der Schänzle-Halle als äußerst kontraproduktiv erweisen: „Die gesamte Mannschaft muss 100 Prozent auf die Platte legen. Wir brauchen Galligkeit von Anfang an und nicht erst in der Schlussphase,“ fordert der Geschäftsführer. Auch für Bilanovic ist klar: „Wir haben nur eine Chance, wenn wir denen unser Spiel aufzwingen und nicht umgekehrt.“ Wobei das Unterfangen durch das Fehlen der verletzten Ian Hüter, Heider Thomas, Nuno Rebelo und Pascal Noll nicht einfacher wird.

Die 545 Kilometer bis Konstanz sind die drittlängste Tour, die die Dormagener in dieser Spielzeit zu bewältigen haben. Weiter ist es noch bis Aue (552 km) und Dresden (590), auch die Partien in Lübeck (480 km) und Hamburg (435 km) sind oder waren nur mit Zwischenübernachtungen zu bewältigen.

Wobei sich der TSV Bayer in einer vergleichsweise komfortablen Situation befindet. Schließlich liegt Dormagen relativ zentral in Handball-Deutschland. Gleich sieben Zweitliga-Konkurrenten kommen aus Nordrhein-Westfalen, von denen nur der TuS N-Lübbecke mehr als zwei Stunden Fahrtzeit entfernt ist. Und auch zum TV Hüttenberg (178 Kilometer), dem nächsten Auswärtsspiel am 23. November, ist es nicht weit.

Andere Klubs haben wesentlich mehr weite Reisen auf dem Programm. Der VfL Lübeck-Schwartau zum Beispiel hat gerade das „Lokalduell“ im 70 Kilometer entfernten Hamburg verloren, die nächstkürzere Fahrt geht dann schon nach Lübbecke (275 km). Der EHV Aue hat nur Dresden (90 km) und Coburg (160 km) als „Lokalderbys“, die anderen Gegner sind alle mehr als 200 Kilometer vom Erzgebirge entfernt.

Am härtesten trifft es aber die HSG Konstanz. Für den Aufsteiger ist das Gastspiel im 195 Kilometer entfernten Bietigheim das einzige „Lokalderby“, alle anderen Auswärtsfahrten führen über mehr als 300 Kilometer. Deshalb ist jedes Spiel in der Schänzle-Halle doppelt wichtig für den Dormagener Gegner, der dort fünf seiner bisher sechs Punkte holte (Siege über Lübeck und Aue, Unentschieden gegen Hamm). „Die sind sehr heimstark,“ weiß auch Dusko Bilanovic, „kommen aber auch auswärts langsam in Fahrt.“ Jüngster Beleg: das 23:23 am Samstag beim TuS N-Lübbecke.

In Dormagen sind sie sich der Bedeutung der Partie durchaus bewusst. „Von einem Schlüsselspiel würde ich nicht sprechen,“ sagt Björn Barthel, „aber die nächsten drei Partien gegen Konstanz, Dresden und Hüttenberg entscheiden, in welcher Hälfte der Tabelle wir uns einsortieren.“

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