2. Handball-Bundesliga TSV Bayer Dormagen gegen TuSEM Essen

Handball : Wenn Tabellenführer nicht gleich Favorit ist

Ausgang offen – unter diesem Vorzeichen steht das Derby zwischen TSV Bayer Dormagen und TuSEM Essen am heutigen Freitagabend. Auch wenn die Gäste als Spitzenreiter der 2. Handball-Bundesliga anreisen – eindeutiger Favorit sind sie nicht.

Am Donnerstag war Dusko Bilanovic Zaungast beim Training des Bergischen HC. „Hospitation“ stand auf dem Stundenplan des 48-Jährigen, der sich auf die Prüfung zur Trainer A-Lizenz vorbereitet. Seine Erkenntnis: Die Qualität des Trainings sei nicht der Unterschied zwischen Erster und Zweiter Liga, „sondern die Qualität der Spieler.“ Und damit meint er vor allem die größere Körperlichkeit, die Erstliga-Handballer im Vergleich zu ihren Zweitliga-Kollegen in die Waagschale werfen können.

Am Freitagabend (Anwurf um 19.30 Uhr im Bayer-Sportcenter) wird es darauf wohl nicht so sehr ankommen. Denn im 38. Rhein-Ruhr-Derby zwischen dem TSV Bayer Dormagen und TuSEM Essen stehen sich zwei Mannschaften gegenüber, die weniger auf körperbetonten Handball setzen. „Annähernd wie wir ist der TSV sehr stark im Tempospiel nach vorne, so dass wir ein dynamisches Spiel erwarten,“ sagt Noah Beyer, mit 90 Treffern (davon 48 Siebenmetern) Torschütze Nummer eins im torhungrigsten Team der Liga. 449 Tore haben die Essener in den bislang 15 Hinrundenspielen erzielt, das sind im Schnitt 29,9 pro Partie. Bei Dormagen sind es nicht viel weniger (430, im Schnitt 28,6), was den TSV auf Rang drei in der Tabelle der geworfenen Tore bringt (dazwischen liegt noch Coburg mit 440).

Und wer sich daran erinnert, dass in den beiden Duellen der vergangenen Saison insgesamt 141 Treffer fielen, kann sich leicht ausrechnen, was am Freitagabend passieren wird. „Ich freue mich auf ein interessantes und intensives Handballspiel, das bestimmt sehr viele Emotionen frei setzt,“ sagt Dormagens Handball-Geschäftsführer Björn Barthel. Er rechnet „mit 1500 bis 1600 Zuschauern“, 1100 Karten waren bis Donnerstagmittag verkauft: „Das wäre für uns ein schöner Jahresabschluss,“ sagt Barthel mit Blick auf das letzte Heimspiel,  bevor es nach der EM-Pause am 2. Februar gegen den HSV Hamburg weitergeht im Bayer-Sportcenter, „und würde auch für die richtige Derbystimmung sorgen.“ Die zwischen Dormagen und Essen eigentlich immer garantiert war.

Dass die Gäste als Tabellenführer anreisen, tut ein Übriges. „Die stehen zu Recht da oben,“ sagt Barthel, der die Entwicklung des TuSEM, nach finanziellem Kollaps den Neuaufbau weitgehend mit jungen Spielern zu wagen, ein bisschen als Vorbild für den eigenen Weg ansieht: „Die sind halt nur ein Jahr weiter als wir.“ Auch sein Trainer erkennt viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Klubs: „Essen lebt genau wie wir nicht von überragenden Einzelkönnern sondern vom Kollektiv.“ Der Vorteil des TuSEM: „Die sind eingespielter, weil sie schon länger in der gleichen Besetzung zusammen spielen als wir.“

Trotzdem sieht Bilanovic die Favoritenrolle nicht automatisch an den Tabellenführer vergeben: „Wenn wir es schaffen, die Anzahl der Fehler, die wir in Hamm gemacht haben, zu minimieren, und gleichzeitig die selbe Leidenschaft an den Tag legen wie am Samstag, gewinnen wir.“ Zumal die Essener ein wenig von der Souveränität der ersten Saisonmonate eingebüßt haben: Zwei ihrer drei Niederlagen stammen aus den vergangenen drei Wochen (21:23 gegen TuS N-Lübbecke, 28:34 beim EHV Aue, außerdem noch ein 26:30 beim ThSV Eisenach Anfang Oktober). „Die sind ein bisschen aus dem Tritt gekommen, aber das geht jedem mal so in dieser Liga“, sagt Bilanovic.

Sein zum Saisonende scheidender (und durch Dormagens Jugendkoordinator Jamal Naji ersetzt werdender) Kollege Jaron Siewert befand jedenfalls nach dem 33:22-Sieg über den Tabellenletzten HSG Krefeld: „Ein einzelner Sieg kann noch keine Wende sein, für uns war es erst mal ein Stopp.“