2. Handball-Bundesliga TSV Bayer Dormagen besiegt TV Hüttenberg

Handball : Ein ziemlich geiler Handball-Abend

Fünfzig Minuten war der TSV Bayer Dormagen dem TV Hüttenberg eindeutig überlegen. Dann geriet der Angriffsmotor des Handball-Zweitligisten ins Stocken, die Gäste machten aus einem 14:19-Rück- einen 20:20-Gleichstand, ehe Ian Hüter dem Aufsteiger sieben Sekunden vor Schluss den ersten Sieg unter Neu-Trainer Dusko Bilanovic rettete.

Ein Drehbuchautor hätte sich das alles nicht besser ausdenken können: Wie aus eindeutiger Überlegenheit unerträgtliche Spannung wird, wie der jugendliche Held zu einem Zeitpunkt, als keiner mehr damit rechnet, das Happy-End herbeiführt – das alles war wie im Film an diesem Freitagabend.

Doch es war ein Handballspiel, das da vor der stattlichen Kulisse von 1432 Zuschauern ablief im TSV-Bayer-Sportcenter. Und es war eines, das in die Geschichte des TSV Bayer Dormagen eingehen wird, nicht nur, weil das 21:20 (Halbzeit 12:8) über Erstliga-Absteiger TV Hüttenberg dem Zweitliga-Neuling den ersten Sieg im zweiten Spiel unter der Regie von Neu-Trainer Dusko Bilanovic bescherte.

Einen verdienten Sieg, wie dessen Kollege Emir Kurtagic trotz des knappen Ergebnisses einräumte: „50 Minuten war Dormagen eindeutig besser, vor allem, was die Körpersprache betrifft.“ So etwas Ähnliches hatte er nach der 29:30-Niederlage im Hinspiel auch gesagt. Da hatten die Dormagener seine Schützlinge mit einer 5:1-Deckungsvariante überrascht. Diesmal rührten die Bayer-Handballer einen Abwehrbeton an, der die Gäste schier verzweifeln ließ. Ganze acht Tore gelangen ihnen im ersten Durchgang, ganze sechs waren es zwischen der 31. und 50. Minute, auch, weil hinter diesem Block Torhüter Sven Bartmann mit 13 Paraden zu großer Form auflief.

Und weil Bilanovics verstärktes Angriffstraining unter der Woche offenbar gefruchtet hatte, weil sich die Dormagener statt eines Fehlwurffestivals wie eine Woche zuvor gegen Aue bis zur 50. Minute nur elf Fehlversuche leisteten (darunter zwei verworfene Siebenmeter) und sich auch nicht von mehreren Deckungsumstellungen der Gäste aus dem Konzept bringen ließen, lagen sie zu diesem Zeitpunkt vollauf verdient mit 19:14 in Front.

„50 Minuten haben wir überragend gespielt. Doch Handballspiele dauern leider 60 Minuten,“ stellte Bilanovic hinterher fest, „das müssen die Jungs noch lernen.“ Denn auf einmal war sie dahin, die Ruhe und Abgeklärtheit, auf einmal machten die Dormagener wieder jene Fehler, die ihnen in dieser Saison schon manchen Punkt geraubt haben, auf einmal machten sie Hüttenbergs bis dahin bestenfalls durchschnittlich haltenden Torhüter-Routinier Nikolai Weber beinahe zum Helden.

Die Paraden des 38-Jährigen waren die eine Zutat, die aus einem Handballspiel auf gehobenem (Zweitliga-)Niveau einen nervenaufreibenden Krimi machte. Für die andere sorgten Jan Krüger und Björn Schmidt, die für eine solche Schiedsrichter-Leistung nicht eigens aus dem fernen Flensburg hätten anreisen müssen. Wer mag, kann sich die Schlussphase noch einmal auf sportddeutschland.tv ansehen – und wird feststellen, dass die Unparteiischen nicht das besaßen, was man ein „glückliches Händchen“ bei ihren Entscheidungen nennt. Dass die Mannschaft mit der defensiven Abwehrvariante zweieinhalb mal so viele Zeitstrafen kassiert wie die offensiv deckende, ist schon ungewöhnlich genug.

Sei’s drum, Hüttenberg holte Tor um Tor auf. Der Treffer von Lukas Stutzke zum 20:17 (55.) blieb der einzige auf Seiten der Hausherren in genau neun Minuten und 57 Sekunden. Und als Tobias Hahn 14 Sekunden vor Schluss seinen dritten Strafwurf zum 20:20 verwandelte, schien das zweite Last-Minute-Unentschieden in Folge besiegelt aus Dormagener Sicht.

Doch dann hatte eingangs erwähnter Drehbuchautor eine Oscar-verdächtige Idee. Schließlich war es der Spieltag der RheinLand Versicherung, schließlich saßen mehr als 50 Mitarbeiter des Neusser Unternehmens, das seit 15 Jahren (nicht nur) den Dormagener Handball sponsert, auf der Tribüne. Dass einem von ihnen sieben Sekunden vor dem Schlusspfiff das Siegtor gelang, ist eine jener Geschichten, wie sie nur der Sport schreibt. Nein, sagte Ian Hüter nachher lachend, an die Kollegen habe er in diesem Moment ganz bestimmt nicht gedacht: „Ich habe eigentlich gar nichts gedacht,“ bekannte der 21 Jahre alte, angehende Versicherungskaufmann, den Bilanovic zum Linksaußen umgeschult hat, „ich wollte nur, dass das Ding reingeht.“

Das tat es – und weil Sven Bartmann den inmitten des Jubels beinahe unentdeckt abgefeuerten finalen Gewaltwurf von Björn Zintel abwehrte, blieb unterm Strich das, was Bayers Handball-Geschäftsfüher Björn Barthel in vier Worten zusammenfasste: „Ein rundum geiler Handballabend.“