2. Handball-Bundesliga Kunkurrenz zeigt sich ausgeglichener denn je

Dormagen · Nach der Saison-Eröffnung der Dormagener Handballer gegen Zaporozhye am Mittwoch steht am Wochenende der erste komplette Spieltag an. Hinter den Erstliga-Absteigern Lübbecke und Balingen scheint alles möglich zu sein.

 Der kroatische Rekord-Nationalspieler Igor Vori hat das Traineramt beim TV Großwallstadt übernommen.

Der kroatische Rekord-Nationalspieler Igor Vori hat das Traineramt beim TV Großwallstadt übernommen.

Foto: dpa, awa jai

Nimmt man die am vergangenen Wochenende ausgespielte erste Runde im DHB-Pokal zum Maßstab, müssten sich vier Handball-Zweitligisten ernsthafte Sorgen um den Klassenerhalt machen: Die Wölfe Würzburg, vormals als DJK Rimpar Wölfe bekannt (24:25 beim TuS Fürstenfeldbruck) und der VfL Eintracht Hagen (26:28 beim TuS Vinnhorst) zogen bei Drittligisten den Kürzeren, TuSEM Essen kam bei Aufsteiger VfL Potsdam unter die Räder (27:32) und der TSV Bayer Dormagen war beim Liga-Konkurrenten HC Elbflorenz Dresden (21:31) chancenlos.

Doch erstens (dafür fünf Euro ins Phrasenschwein) haben Pokalspiele bekanntlich ihre eigenen Gesetze. Und zweitens erscheint eine Prognose über den Saisonverlauf der in dieser Woche startenden Liga in etwa so gewagt wie eine Vorhersage über die Entwicklung der Gaspreise in den kommenden Jahren. Das Mitwirken des ukrainischen Gastteams HC Motor Zaporozhye, das am Mittwoch bei der Saisoneröffnung im Rahmen des Supercups in Düsseldorf überraschend deutlich mit 28:33 gegen den TSV Bayer Dormagen verlor, dürfte ebenso für weitere Unwägbarkeiten sorgen wie die Frage, welche Auswirkungen eventuell verschärfte Corona-Regeln auf den Spiel- und Zuschauerbetrieb haben werden.

Fakt ist: Am Saisonende – die Spielzeit dauert bis 7. Juni mit einer Unterbrechung zwischen 26. Dezember und 28. Januar 2023 – steigen die beiden Erstplatzierten in die Bundesliga auf, die Teams auf den Tabellenplätzen 17, 18 und 19 in die Dritte Liga ab. Wer das sein wird, erscheint vollkommen offen, die Liga wirkt noch ausgeglichener als in der vergangenen Saison, als den TSV Bayer Dormagen auf Rang 16 gerade mal zehn Punkte von der SG Bietigheim auf Platz sechs trennten. Naturgemäß gelten die beiden Erstliga-Absteiger als Favoriten auf den (Wieder-)Aufstieg, um so mehr, als der TuS N-Lübbecke und die HBW Balingen-Weilstetten von großen Aderlässen verschont blieben.

Tim Mast geht jetzt für TuSEM Essen auf Torejagd.

Tim Mast geht jetzt für TuSEM Essen auf Torejagd.

Foto: Heinz J. Zaunbrecher

Die Ostwestfalen, mit dem aus Erlangen gekommenen Ex-Nationalspieler Michael Haaß als neuem Mann auf der Trainerbank, sorgten mit der Verpflichtung von Torhüter Nikolas Katsigiannis von den Rhein-Neckar Löwen für einen der wenigen spektakulären Transfers der Liga, die ansonsten eher ein paar bekannte Namen einbüßte: Nationalspieler Hendrik Wagner verließ die Eulen Ludwigshafen Richtung HSG Wetzlar, Nils Versteijnen den VfL Lübeck-Schwartau Richtung TBV Lemgo, Dominik Mappes (TV Hüttenberg) und Tom Jansen (TV Großwallstadt) zog es zu Erstliga-Aufsteiger VfL Gummersbach, Savvas Savvas (TV Großwallstadt) heuerte beim anderen Neuling ASV Hamm an, Noah Beyer, Torjäger vom Dienst bei TuSEM Essen, folgte Trainer Jamal Naji zum Bergischen HC, Robert Weber (HSG Nordhorn-Lingen) geht künftig für Olympiakos Piräus auf Torejagd, Haudegen wie Stefan Kneer (Hüttenberg), Pavel Mickal (Nordhorn), Markus Hansen und Jan Schult (beide VfL Lübeck-Schwartau) beendeten ihre lange Karriere. Aus der „stärksten Liga der Welt“ ins Unterhaus wechselten der Ex-Dormagener Fredrik Genz (Füchse Berlin) als neuer Torhüter der SG Bietigheim, Alexander Feld aus Wetzlar nach Nordhorn sowie Felix Danner aus Wetzlar nach Balingen.

Die größte Fluktuation im Kader hat der VfL Lübeck-Schwartau zu verzeichnen, wo der aus Dormagen gekommene Neu-Trainer David Röhrig gleich zehn Zugänge integrieren muss, darunter die Ex-Dormagener Lennart Leitz und Mathis Blum (über die Zwischenstation Rhein-Neckar Löwen II) und Torhüter Paul Dreyer vom Neusser HV. Beim HSC Coburg stehen acht Zu- ebenso viele Abgänge gegenüber. Die geringste Fluktuation hat der TSV Bayer Dormagen aufzuweisen, der in Wetzlar-Leihgabe Ole Klimpke nur einen externen Zugang zu verzeichnen hat.

 Lennart Leitz spielt für den VfL Lübeck-Schwartau.

Lennart Leitz spielt für den VfL Lübeck-Schwartau.

Foto: Heinz J. Zaunbrecher

Doch zurück zu den – vermeintlichen – Aufstiegsfavoriten. Dass sich Erstliga-Absteiger eine Etage tiefer erst eingewöhnen müssen, zeigte die vergangene Saison, als HSC Coburg und Eulen Ludwigshafen trotz Trainerwechseln (bei den Eulen sogar zwei) bis zuletzt um den Ligaverbleib kämpften. Doch sowohl Balingen als insbesondere Lübbecke scheinen von einem anderen Kaliber zu sein. Ihnen die Aufstiegsränge streitig machen könnte am ehesten die SG Bietigheim schaffen, zumindest wenn es Iker Romero in seinem zweiten Trainerjahr gelingt, seinen Mannen die Aussetzer gegen vermeintlich schwächere Teams abzugewöhnen. Der ThSV Eisenach, der in der vergangenen Saison den Aufstieg nur um zwei Zähler verpasste, und Dormagens Pokal-Bezwinger HC Elbflorenz Dresden gelten als so etwas wie Geheimfavoriten. Eine Rolle, die die HSG Nordhorn-Lingen spätestens nach ihrer 20:22-Pokalniederlage beim HCE Rostock erst einmal los sein dürfte. Und beim Vorjahres-Vierten TV Hüttenberg bleibt abzuwarten, wie er die Abgänge seiner Routiniers Dominik Mappes (nach Gummersbach, dafür kehrte von dort Timm Schneider zurück), Stefan Kneer und Christian Rompf (beide Karriereende) verkraftet.

Zu diesem Septett könnte sich noch ein Überraschungsteam gesellen. Zum Beispiel Aufsteiger VfL Potsdam, bei dem gelegentlich Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Tribüne und stets Bob Hanning auf der Trainerbank sitzt – einen Vorgeschmack lieferte bereits der ungefährdete 32:27-Pokalsieg über TuSEM Essen.

Für den stattlichen Rest dürfte es in erster Linie darum gehen, so schnell wie möglich so viele Punkte wie möglich (und nötig) zum Klassenerhalt zu sammeln. Am gefährdetsten erscheinen naturgemäß die, die sich in der vergangenen Saison am spätesten retten konnten: der TV Großwallstadt (ohne Savvas Savvas und Tom Jansen, dafür mit dem kroatischen Rekord-Nationalspieler und Weltmeister Igor Vori auf der Bank), Vorjahresaufsteiger HC Empor Rostock, der seinen freien Fall in der Rückrunde erst am vorletzten Spieltag stoppen konnte, und der TSV Bayer Dormagen, der sich allerdings im Gegensatz dazu auf Rang vier der Rückrundentabelle vorarbeitete. Akut gefährdet erscheinen neben Aufsteiger HSG Konstanz auch die Wölfe Würzburg, die in Marino Mallwitz ihre Lebensversicherung zwischen den Torpfosten an den HC Elbflorenz abgeben mussten, und TuSEM Essen. Der „Altmeister“ verlor fünf Leistungsträger und hat als einzigen Zugang mit Zweitliga-Erfahrung den Ex-Dormagener Tim Mast auf der Habenseite stehen – viel Arbeit für den vom Co- zum Cheftrainer beförderten Michael Hegemann. Doch vielleicht (oder eher sehr wahrscheinlich) kommt alles auch ganz anders.

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