Korschenbroich: 100 Koffer fürs Jenseits

Korschenbroich: 100 Koffer fürs Jenseits

Hundert Menschen packten in hundert Koffer das ein, was sie auf ihre letzte Reise mitnehmen würden: Die außergewöhnliche Ausstellung in der Pfarrkirche St. Andreas regt dazu an, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.

Es mussten Bänke ausgeräumt werden in der Pfarrkirche St. Andreas, um Platz zu schaffen für eine ungewöhnliche Wanderausstellung mit dem Titel "Ein Koffer für die letzte Reise". Auf Initiative des Bestattungsunternehmers Fritz Roth aus Bergisch Gladbach haben sich hundert Menschen zwei Monate lang mit der Frage auseinandergesetzt, was sie auf ihre "letzte Reise" mitnehmen würden. Das Ergebnis passt jeweils in einen Koffer; hundert Koffer umfasst die Ausstellung.

"Wir rühren ein Tabu-Thema an", gab Pfarrer Frank Josef van de Rieth zu verstehen. So könne darüber diskutiert werden, ob solch eine Ausstellung überhaupt in einen sakralen Raum gehöre. Rita Mielke, als Koordinatorin dieser Ausstellung, wies in ihrer Einführungsrede auf ein Paradoxum hin: "So viel Tod wie heute war noch nie. Andererseits ist für den Tod kein Platz mehr in unserem Leben, wir blenden ihn aus." Wer den Tod aus seinem Leben hinausdränge, sei ihm schutzlos ausgeliefert, wenn er dann plötzlich komme. Wer dazu neigt, seinen eigenen Tod zu verdrängen, für den ist die Ausstellung "Ein Koffer für die letzte Reise" möglicherweise bedrückend, beklemmend. Genau das Gegenteil wird jedoch bezweckt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod zwinge, so Friedrich Nietzsche, "das Leben auszukosten". Wer die Wanderausstellung in St. Andreas besucht, sollte Zeit und — falls vorhanden — die Lesebrille mitbringen.

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Jede Person, die einen Koffer packte, hat einen Brief verfasst mit persönlichen Daten und dabei oft auch die Einstellung zum Tod verraten. Zu den Prominenten gehört die Autorin und Moderatorin Susanne Fröhlich, die nicht "auf das Familienfoto fürs Herz, Nudeln für die Stimmung, Nüsse fürs Hirn und Lippgloss für mehr Glanz" verzichten wollte. Der Kabarettist Jürgen Becker braucht drei Dinge: Pfeife, Tabak, Streichhölzer. Michael Berger gibt zu verstehen, dass das letzte Hemd keine Tasche hat: Er ließ den Koffer leer. Helga Breitenbach, eine pensionierte Vorstandssekretärin, braucht für ihre "letzte Reise" lediglich Gottvertrauen. Es gibt aber auch Koffer, die übervoll sind: Die Studentin Annabelle Fürstenau beispielsweise hat jede Menge Briefe reingepackt als Symbole für Gedanken, Erinnerungen und Gefühle. "Ich habe eine richtige Gänsehaut", bekannte eine Besucherin der Ausstellung. Zum Schmunzeln ist der Hinweis von Dr. Christian Kauer, der auf seine letzte Reise einen Smoking mitnimmt: "Je nachdem, wen ich treffe, möchte ich galant sein."

Den Nutzen des Kofferpackens bringt Helga Breitenbach auf den Punkt — sie beschreibt zugleich den Sinn der Ausstellung: "Erst durch die persönliche Auseinandersetzung mit dem Sterben, der eigenen Endlichkeit kann ich bewusster und ehrlicher leben."

(NGZ)