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Lyrik der Rose Ausländer: Spät zurück ins „Mutterland Wort“

Lyrik der Rose Ausländer : Spät zurück ins „Mutterland Wort“

Von Dagmar Kann-Coomann

Von Dagmar Kann-Coomann

"Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer / Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort". Präzise, knapp, fast unterkühlt hat Rose Ausländer in ihrem Gedicht "Mutterland" den Zwiespalt formuliert, unter dem sie ebenso litt wie Paul Celan und Nelly Sachs.

Als Überlebende des deutschen Völkermords an den europäischen Juden war es unabdingbar für sie, sprachlichen Ausdruck für die ungeheuerlichen, unsagbaren aber erlebten Verbrechen zu finden. Zugleich aber stand ihr dafür zentral die Sprache der Mörder, das Deutsche, zur Verfügung. Zehn Jahre schrieb Rose Ausländer ausschließlich englische Lyrik, erst 1956 fand sie zurück in ihr "Mutterland Wort" und die Muttersprache.

Neun Jahre später, 1965, wagte sie sich erstmalig nach der Shoa wieder in das Land, dessen Dichter und Philosophen sie in ihrer Jugend in Czernowitz, der blühenden Kulturmetropole in der Bukowina, kennen und schätzen gelernt hatte und fand ihren Alterswohnsitz in Düsseldorf. Das wechselvolle Leben und die in Klarheit und Genauigkeit einzigartige Lyrik Rose Ausländers stellte das Turmalin-Theater jetzt in der Stadtbibliothek bei einer faszinierenden Lesung vor.

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Dabei begrüßte Dorothea Gravemann, Inhaberin des Bücherhauses Ratka, die gemeinsam mit der Stadtbibliothek zu dem außergewöhnlichen Abend eingeladen hatte, ein umfangreiches Publikum. Im abgedunkelten Raum und mit fein abgestimmter Lichtchoreographie gelang es Regisseur Günter Bauer und Schauspielerin Cornelia Gutermann-Bauer, das Publikum in die Welt der Lyrikerin und in ein Leben zwischen Czernowitz, New York und Düsseldorf zu entführen.

Mit ungeheuer präziser Artikulation machte die Rezitatorin es den Zuhörern leicht, Gedichte und Biographie konzentriert zu verfolgen, auch wenn - oder gerade weil? - sie auf eigene Deutung durch spezifische Intonation bewusst verzichtete und jede Silbe gleichmäßig betonte. Dabei entstand allerdings an keiner Stelle des Abends Monotonie, sondern wurde gerade die akustische Aufnahme auch komplexer Gedichte ermöglicht.

Erst in hohem Alter, nachdem sie Anfang der siebziger Jahre in das jüdische Altenheim Düsseldorfs, das Nelly-Sachs-Haus, übersiedelte, erlebte die 1901 geborene Rose Ausländer erste allgemeine Anerkennung ihrer Lyrik. Die außerordentliche Fähigkeit zur sprachlich-lyrischen Präzision, die Paul Celan, der zwanzig Jahre jüngere Freund und Dichterkollege sowie Alfred Margul-Sperber schon drei Jahrzehnte zuvor in Czernowitz an Rose Ausländer schätzten, wurde mit deutschen Literatur- und Lyrikpreisen gewürdigt, als Rose Ausländer schon pflegebedürftig ans Bett gefesselt war.

1988 starb die Dichterin aus der Bukowina, jener kulturell so lebendigen Gegend voller Geschichten, Mythen und Erzählungen, in der nach Paul Celan "Menschen und Bücher lebten". 60 000 Menschen jüdischen Glaubens prägten das kulturelle Leben in Czernowitz entscheidend. Als die rote Armee die Stadt aus den Händen von Wehrmacht und SS befreite, hatten nur 5000 von ihnen überlebt.

(NGZ)