Wehr in der Erft an der Gustorfer Mühle schaffte Ungemach.: Sich selbst zur Wehr

Wehr in der Erft an der Gustorfer Mühle schaffte Ungemach.: Sich selbst zur Wehr

Müller an der Erft: Das war einst ein begehrter Beruf. Doch der Kampf um genügend Wasser führte im 19. Jahrhundert zu einem Konkurrenzkampf mit oft fatalen Hochwasserfolgen für die Umgebung. Nicht nur der Hauptfluss, sondern alle Nebenläufe waren mit Mühlenanlagen bestückt. Als den Müllern noch die Regulierung der Erft für ihren Betrieb überlassen war, kam es im 19. Jahrhundert immer wieder zu Hochwasser. Erst die Melioration entspannte die Situation. Im Raum Frimmersdorf kam es durch die Stauhaltung immer wieder zu Überschwemmungen. NGZ-Foto: L. Berns

Müller an der Erft: Das war einst ein begehrter Beruf. Doch der Kampf um genügend Wasser führte im 19. Jahrhundert zu einem Konkurrenzkampf mit oft fatalen Hochwasserfolgen für die Umgebung. Nicht nur der Hauptfluss, sondern alle Nebenläufe waren mit Mühlenanlagen bestückt. Als den Müllern noch die Regulierung der Erft für ihren Betrieb überlassen war, kam es im 19. Jahrhundert immer wieder zu Hochwasser. Erst die Melioration entspannte die Situation. Im Raum Frimmersdorf kam es durch die Stauhaltung immer wieder zu Überschwemmungen. NGZ-Foto: L. Berns

"Bei der Aufzählung der Mühlenstaue dürfen wir nicht vergessen, dass sich zusätzlich andere Stauvorrichtungen in und an der Erft befanden, zum Beispiel zur Versorgung der Schlossteiche, der Fischteiche, der Tümpel für die Geflügelzucht, zur Garten- und Feldbewässerung, für Badeanstalten, etwa in Wevelinghoven, für Fabriken, Wäschereien, Viehtränken und Pferdeschwemmen", erzählt Manfred Möltgen. Für einen Vortrag für den Erftverband hat er sich mit den Wassermühlen an der Erft beschäftigt, insbesondere mit der Situation im 19. Jahrhundert.

Da waren nicht nur Getreidemühlen in Betrieb, sondern auch so genannte Werksmühlen. So gab es in Bergheim eine Ölmühle, in der Raps, Rüben und Bucheckern zu Nahrungszwecken sowie Lampen- und Schmieröl verarbeitet wurden. Paffendorf hatte eine florierende Papiermühle, Esch und Kenten boten zusätzlich fein gemahlenen Gips an. Mödrath stellte Nadeln her, betrieb auch eine Sägemühle, in Münstereifel sorgten Tuchwalkmühlen für Umsatz, in Grevenbroich wurde Baumwollspinnerei betrieben.

Um 1800 war es allerdings mit dem ungestörten Zustrom von Wasser nicht mehr so gut bestellt. Damals machte sich die zunehmende Versandung der Erft durch den aufblühenden Bleierzabbau bei Mechernich immer mehr bemerkbar, die Sedimente lagerten sich ab. Aber auch die Müller in ihrem Konkurrenzkampf trugen durch unvernünftige Stauhaltung zur Verschärfung der Situation bei. So gab es bei Mödrath, wo sich die Erft in zwei Arme trennte, die unterhalb von Bergheim wieder zusammenkamen, viele Probleme. Dort hatten sich an beiden Armen, der Großen und der Kleinen Erft, viele Mühlen angesiedelt, die eine besondere Stauhaltung pflegten.

Das nötige Wasser wurde nicht über einen Seitenarm oder Mühlgraben unter die Räder gebracht, sondern das Wehr wurde direkt in das Erftflussbett gesetzt und der gesamte Fluss angestaut, wie es zum Beispiel auch an der Gustorfer Mühle möglich war. Vor diesen Wehren sammelte sich natürlich Sand und Schlamm an. Durch plötzliches Hochziehen aller Schütztafeln, mit denen das Wehr reguliert werden konnte, wurden die Ablagerungen durch die reißende Wasserströmung dem nächsten Müller überlassen. Wenn das nichts mehr half, wurden die Schütztafeln und damit das Wehr einfach höher gebaut.

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In der Folgezeit mussten die Gräben immer wieder gereinigt werden, was zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Viel gravierender war aber, dass durch den unvernünftigen Stau die abgeleiteten Wassermassen in der Kleinen Erft auch die Ländereien großräumig überfluteten. Es mussten sogar Dämme gebaut werden, um den Ablauf des betriebswichtigen Wassers über die Ufer zu verhindern. Auch die Große Erft wurde so aufgestaut, dass der Wasserspiegel auf der Bodenhöhe lag. Die Folge war, dass jeder geringste Anstieg der Wasserführung der Erft zu Überschwemmungen des Umlandes und zu einer andauernden Vernässung und schließlich zur Versumpfung der Niederung führte.

Dadurch waren auch an der unteren Erft weite Gebiet der Versumpfung preisgegeben. Neben den Mühlenwehren machte sich dort das 1456 erbaute Überfallwehr bei Selikum, das 1809 als Napoleonswehr erhöht wurde und die "Fehlkonstruktion" des ebenfalls 1809 errichteten Empellements am Beginn der Neusser Erft übel bemerkbar. Im Raum Frimmersdorf wirkte sich die Stauhaltung der Gustorfer Mühle besonders schlimm aus. Dadurch wurden die oberhalb liegenden Flächen der Niederung nachhaltig vernässt. Nicht ganz zu Unrecht bezichtigten die Müller die Landwirte, an der Versumpfung schuld zu sein, da sie die vorhandenen Entwässerungsgräben nicht oder nur teilweise instand hielten.

"Auch das ist ein Problem: Je schneller das Wasser abfließen kann, desto eher hat man auch den Wasserstau im Gelände", so Möltgen. Als Beispiel nannte er die Situation bei den Mühlen Eppinghoven und Erprath. Diese Mühlen sind mit zahlreichen Entwässerungsgräben umgeben, die vor Selikum in die Erft entwässern. Wenn die Erft aber einen höheren Wasserstand führt, dazu noch den Gillbach aufnehmen muss, entsteht durch die teilweise unregulierbaren Selikumer Wehre ein Rückstau. In den Entwässerungsgräben steigt das Wasser und geht über die Ufer. Auch das war schließlich ein Dauerzustand.

Hinzu kam, dass die Erprather Mühle beide Arme der sich dort auf eine kurze Strecke teilenden Erft mit Wehren verschlossen hielt. Erst nach 1856, als die preußische Regierung den Plan zu Melioration der Erftniederung anpackte, entspannte die Situation, wenn auch die Müller an der Erft heftig dagegen waren. Denn nun bekamen die Mühlen ihr Wasser durch einen separaten Mühlengraben. Solche Umfluter erhielten zum Beispiel Gustorf, Grevenbroich, Wevelinghoven und Neubrück. Die Regulierung des ihnen zustehenden Wassers lag nun nicht mehr bei den Müllern, sondern bei der "Genossenschaft für die Melioration der Erftniederung".

Durch die wachsende Mühlenindustrie in Neuss und Köln wurde der Bestand der kleinen, örtlich bezogenen Mühlen gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedroht. Nur einige Erftmühlen schafften den Sprung in die neue Zeit, darunter die Wevelinghovener, Grevenbroicher und Erprather Mühle. Fast alle anderen verbliebenen Mühlen hatten spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeben müssen.

(NGZ)
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