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Fliesensammler aus aller Welt fachsimpelten in Zons: Schleichender "Fliesenvirus"

Fliesensammler aus aller Welt fachsimpelten in Zons : Schleichender "Fliesenvirus"

Angelika Riemann, Leiterin des Kreismuseums in Zons, schüttelt den Kopf und hat dabei ein offenes Lachen auf den Lippen: "So gehen Sie mit dem Prachtstück um?" Der Angesprochene dreht sich gewollt lässig zu ihr um und sagt genüsslich. "Das ist die billigste Kachel, die ich habe. So ein Ding von 1880 hält das locker aus!" Dann hebt er das Glas von seinem "Prachtstück" und trinkt. Im Kreismuseum Zons trafen sich am Wochenende Fliesensammler zum gemeinsamen Fachsimpeln. NGZ-Foto: H. Jazyk

Angelika Riemann, Leiterin des Kreismuseums in Zons, schüttelt den Kopf und hat dabei ein offenes Lachen auf den Lippen: "So gehen Sie mit dem Prachtstück um?" Der Angesprochene dreht sich gewollt lässig zu ihr um und sagt genüsslich. "Das ist die billigste Kachel, die ich habe. So ein Ding von 1880 hält das locker aus!" Dann hebt er das Glas von seinem "Prachtstück" und trinkt. Im Kreismuseum Zons trafen sich am Wochenende Fliesensammler zum gemeinsamen Fachsimpeln. NGZ-Foto: H. Jazyk

Im Museum hat sich ein illustres Völkchen getroffen, dort sind die - auf ihrem Gebiet - größten Kapazitäten Europas zu Gast. Bereits zum zweiten Mal sind die Jugendstilfliesen-Sammler zum gemeinsamen Fachsimpeln an den Rhein gekommen. Dabei gewähren sie den Menschen aus dem Rhein-Kreis Neuss einen Blick auf ihre Exponate.

"Die Atmosphäre hier ist ganz besonders", sagt Ulrich Hamburg aus Radevormwald, der Organisator des Treffens. "Ein Plus ist, dass hier nicht nur die Sammler sind, sondern auch viele Besucher, die ein echtes Interesse an den Fliesen haben." Wie wichtig ihm seine Fliesen sind, merkt der Besucher, wenn Hamburg plötzlich seine gemütliche Körperhaltung aufgibt und mit seinen schmalen Fingern zielsicher nach einem seiner Exponate greift, die er vor sich auf einem Tisch drapiert hat.

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Sorgsam begutachtet er das kleine Kunstwerk, pustet einmal und legt die Fliese wieder hin. "Hier steht nicht der Kommerz im Mittelpunkt. Es geht darum, dass die verschiedenen Sammler hier eine Plattform haben, um zu tauschen und zu handeln." Zwischen 4.000 und 5.000 Kacheln habe er zu Hause. Erstaunlich häufig vergleichen sich die Frauen und Männer an den Tischen mit Briefmarkensammlern. Und tatsächlich können die Besucher nach eingehender Betrachtung der Fliesen verstehen, was die Sammler meinen. Kleinode sind die alten Gebrauchsgegenstände.

Bunt bemalt mit Phantasiemotiven, mit Tieren. Szenen aus dem Leben findet man genauso wie das Meissner Zwiebelmuster. Die Fliesen begeistern durch ihre Vielseitigkeit und die Tatsache, dass sie zumeist vor 100 Jahren in filigraner Arbeit geschaffen wurden und alle eine eigene Geschichte haben. Ein "Berufungserlebnis" steht stellvertretend für viele andere. Es scheint ein immergleicher Vorgang zu sein, der die Frauen und Männer mit dem "Virus" Fliesensammeln infiziert. "Irgendwie bin ich an einen alten Spiegel mit Kacheln gekommen. Die fand ich so schön, deshalb habe ich angefangen, mich für das Thema zu interessieren", sagt Karl-Heinz Bednarzyk, Fliesensammler aus Korschenbroich.

"Fliesen sind mit Frauen vergleichbar. Man kann Frauen an der Art ihres Make-ups unterscheiden, bei Fliesen ist das genauso. Deutsche Kacheln sind plakativer. Belgische und französische Exemplare verspielter", erklärt der Fachmann. Vom anderen Ende der Welt hat sich Jörg Rentner aufgemacht. "Alle drei Jahre komme ich zu den Treffen und schaue, was sich bei den Sammlern hier getan hat", erklärt der Meeresbiologe aus Christchurch in Neuseeland sein Kommen.

Margrit Palkus aus Hilden steht vor einem Tisch mit Fliesen: "Ich sammle zwar nicht, aber Kacheln faszinieren mich. Schon bei den Hethitern gab es Kacheln und Schreibtafeln aus Ton. Ich finde es bemerkenswert, dass sich dieser Werkstoff von der Schreibtafel bis hin zum Schmuckstück bis in unser Polyester-Atom-Zeitalter bewahrt hat." Palkus greift eine Kachel vom Tisch, die drei Frauen in niederländischer Tracht zeigt. Dann beginnt sie mit dem Händler zu feilschen, schließlich kauft sie die Kachel für knapp 30 Euro.

"Der Preis ist schon in Ordnung", sagt sie und zeichnet liebevoll die Konturen der Kachel mit ihrem Finger nach. Man liebe halt manchmal heftig. Dann beugt sie sich nach vorne und flüstert: "Ich kaufe nur Fliesen, die drei Frauen darstellen, das erinnert mich an meine drei Töchter." Das gekaufte Kunstwerk finde nun an der Kaminwand ein neues zu Hause, an der schon fünf andere Kacheln platziert seien. - Und da ist er wieder, der gemeine "Fliesensammel-Virus".

(NGZ)