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Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis Neuss: Ruinenlandschaften

Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis Neuss : Ruinenlandschaften

Noch in den letzten Kriegstagen kamen in der Region viele Menschen ums Leben. Diejenigen, die überlebten, standen oft vor den Trümmern der eigenen Existenz.

Es war exakt 11.01 Uhr, als doch noch die große Katastrophe über Rommerskirchen hereinbrach. Am Vormittag des 1. März 1945 griffen 40 Piloten der 9. US-Bomberdivision die Gemeinde im Südwesten des heutigen Rhein-Kreises an. Stunden zuvor waren die Amerikaner von ihrem Stützpunkt in Frankreich gestartet. Und nun benötigen sie lediglich wenige Minuten, ehe im Ortskern kaum noch ein Stein auf dem anderen stand.

Ziel der Bomber war eine Funkstation im Turm der Kirche St. Peter gewesen, die von den Deutschen kurz vor Kriegsende eingerichtet worden war. Doch neben der Kirche (großes Foto) wurden auch viele andere Häuser getroffen. Insgesamt kamen an jenem 1. März 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der US-Armee in Rommerskirchen, bis zu 150 Menschen ums Leben. Eine Tragödie, die sich damals oft in der Region abspielte. Obwohl die GIs bei ihrem Vormarsch schnelle Fortschritte machten und das Kriegsende in der Region nur noch eine Frage von Tagen war, nahmen die Leiden der normalen Bevölkerung nicht ab. Im Gegenteil: In vielen Dörfern und Städten waren in diesen letzten Kriegstagen noch zahlreiche Tote zu beklagen. "Bei Kämpfen zwischen den Amerikanern und deutschen Soldaten kamen in Weckhoven 13 Menschen um", erinnert sich beispielsweise der spätere Heimatforscher Martin Kluth, der als Neunjähriger das Ende in dem 1929 eingemeindeten Neusser Stadtteil miterlebte.

Und auch im nur wenige Kilometer entfernten Grimlinghausen hörte der Alptraum nicht auf. Noch am 5. März 1945 suchten die Einwohner in einem Bunker Schutz vor feindlichen Fliegern. Als der Beschuss zwischenzeitlich aufhörte, trauten sich einige Männer ins Freie, darunter der Vater von Änne Geißler. Doch plötzlich schlug eine weitere Granate ein, die den Vater tödlich verletzte. "Ich habe den Schrecken des Krieges nie vergessen", sagt die 87-Jährige heute.

Zwar gab es auch andere Beispiele. So hatten bereits Ende Februar östlich von Jüchen mehrere Dörfer unter starkem amerikanischen Feuer gelegen, als doch noch ein Wunder geschah. "Der Pastor von Bedburdyck ist mit weißer Fahne auf die Panzer zugegangen und hat so die Dörfer vor der Zerstörung bewahrt", schildert Zeitzeuge Franz Willi Förster die damalige dramatische Rettung in letzter Sekunde. Und auch in Korschenbroich hissten viele Bewohner weiße Fahnen, was das Schlimmste verhinderte.

Gleichwohl standen auch die Überlebenden, als die Waffen in der Region endlich schwiegen, in einer Ruinenlandschaft oft vor den Trümmern der eigenen Existenz. Es ging zunächst nur um das nackte Überleben. Vor allem Frauen zahlten einen hohen Preis für die Verbrechen des NS-Regimes. Zum einen waren oft die Männer, Söhne und Väter gefallen oder befanden sich in Gefangenschaft. Zum anderen waren Frauen 1945 aber auch Angriffen von alliierten Soldaten ausgesetzt. "Es gab Versuche von Vergewaltigungen", sagt der Weckhovener Martin Kluth. Ohnehin war das Verhältnis zwischen Besetzten und Besatzern in den ersten Friedenswochen angespannt. "Die Amerikaner quartierten sich in den besten Häusern ein", erinnert sich Martin Kluth noch 70 Jahre später.

Was wiederum die ohnehin allgegenwärtige Wohnungsnot verschärfte. Allein in Neuss waren von 7100 Gebäuden 6900 mehr oder weniger stark beschädigt. Fast 1300 Häuser mussten später abgerissen werden. Nur 189 Gebäude hatten die zehn schweren Luftangriffe auf die Stadt ohne Zerstörungen überstanden — und die standen zumeist in den Außenbezirken. Tatsächlich waren die Verwüstungen in den ländlicheren Gegenden geringer. Allerdings hatte der Krieg der Nazis auch dort schwere Schäden zurückgelassen. So lagen von den einstmals knapp 28 000 Wohnungen im alten Kreis Grevenbroich im Frühjahr 1945 über 1000 in Gänze in Trümmern. Das Straßennetz war wiederum zu knapp der Hälfte zerstört beziehungsweise stark beschädigt worden. Und von 130 Brücken im Kreis befanden sich ebenfalls nur noch etwas mehr als 50 Prozent in einem einigermaßen nutzbaren Zustand.

Zwar begann das Wegräumen der Trümmer bereits unmittelbar nach der Kapitulation. So hieß es kurz vor Weihnachten aus Dormagen, die Kriegsschäden seien großteils beseitigt. Doch zumeist kamen die Verwaltungen mit dem Aufräumen nicht hinterher — zumal bald nach Kriegsende viele Menschen in die Region strömten. Beispielsweise stieg die Einwohnerzahl von Neuss, die im März 1945 bei lediglich noch 30 000 gelegen hatte, binnen Monaten auf schon wieder 51 000.

Eine Entwicklung, die Sprengstoff barg. Denn es kehrten nicht allein Einheimische zurück. Auch Flüchtlinge aus den Ostgebieten suchten im Kreis eine neue Bleibe. "Die Aufnahme der Vertriebenen geschah in einer Atmosphäre allgemeinen Misstrauens. Die Einheimischen mussten Platz für Neubürger schaffen, was zu nicht geringfügigen Spannungen führte", resümierte später ein Historiker. Eine Einschätzung, die Zeitzeuge Martin Kluth teilt. "Einige behandelten die Flüchtlinge nicht gut", sagt er. Dabei hatte der Überlebenskampf in Ruinen erst begonnen. Denn während die Versorgung der Bevölkerung zunächst noch einigermaßen funktioniert hatte, verschlechterte sich die Lage bald dramatisch. Im Kreis wurde gehungert.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Rhein-Kreis Neuss: Ruinenlandschaften nach dem Zweiten Weltkrieg