Rhein-Kreis Neuss: Wirtschaft profitiert von der EU und dem Binnenmarkt

Wirtschaft im Rhein-Kreis Neuss : Unternehmen setzen auf Europa

Der EU-Binnenmarkt und offene Grenzen sind gut für die Wirtschaft. Das zeigt die Analyse „Der Mittlere Niederrhein und Europa“.

Die Unternehmen in der Region betonen die große Bedeutung des europäischen Binnenmarkts für ihren wirtschaftlichen Erfolg. Das geht aus der Analyse „Der Mittlere Niederrhein und Europa“, die jetzt anlässlich der Europawahl am 26. Mai von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein vorgelegt wurde, hervor. Demnach sehen 59 Prozent der Betriebe im IHK-Bezirk einen Vorteil oder gar einen großen Vorteil durch den Binnenmarkt für das eigene Unternehmen. Im Rhein-Kreis Neuss sind es sogar 62 Prozent. Lediglich drei Prozent sehen einen Nachteil. IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz sieht das Ergebnis der Analyse auch als Ausdruck der Vorteile der europäischen Integration. „Die Unternehmen schätzen die Vorzüge des Binnenmarkts. Er ist für den Wohlstand unserer Region von großer Bedeutung“, betont er.

Vor der Europawahl hat die IHK Mittlerer Niederrhein insgesamt 400 Betriebe aus der Region, davon 100 aus dem Rhein-Kreis, für ihre Analyse befragt. Dabei ging es um die Bedeutung der EU für die Unternehmen am Niederrhein, die Rolle des europäischen Binnenmarkts für das Geschäft sowie eine Beurteilung der Regulierungen durch die EU. Die Vielzahl der Regulierungen stößt knapp 80 Prozent der Befragten bitter auf. Gefordert wird ein Bürokratie-Abbau. „Darüber werden wir mit unseren regionalen Abgeordneten nach der Europawahl intensiv sprechen“, betont Steinmetz.

Mit Sorge wird der große Druck betrachtet, unter dem das Projekt Europa steht. Bei der Frage nach der weiteren Integration ist die Europäische Union gespalten, Nationalismus und Populismus sind auf dem Vormarsch, hinzu kommt der Brexit. Forderungen nach verstärkten innereuropäischen Grenzkontrollen erteilen die befragten Unternehmen eine deutliche Absage. Denn der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen befeuert die Geschäfte. „Mehr Grenzkontrollen innerhalb Europas würden den Unternehmen schaden“, erklärt Steinmetz.

Das sehen laut der Analyse 40 Prozent der Betriebe im Rhein-Kreis so, während nur drei Prozent positive Effekte durch mehr Grenzkontrollen erwarten. „Grenzkontrollen wären auch deshalb Gift für die Außenwirtschaft, weil ein großer Teil des Umsatzes in unserer Region mit Kunden aus dem EU-Ausland generiert wird“, erklärt Steinmetz. 50 Prozent der Industrieunternehmen am Mittleren Niederrhein erwirtschaften laut IHK bis zu 25 Prozent ihres Umsatzes im EU-Binnenmarkt, bei knapp 15 Prozent werde sogar mehr als jeder zweite Euro im EU-Ausland verdient. Und bei den Großhändlern mache jeder Dritte mehr als 25 Prozent seines Umsatzes im innereuropäischen Binnenmarkt.

Für die niederrheinische Wirtschaft sind vor allem die Benelux-Länder von großer Bedeutung. Das gaben 44 Prozent der befragten Unternehmen an, bei den exportorientierten Firmen sogar 51 Prozent. Mit deutlichem Abstand werden Osteuropa (13 Prozent), Frankreich (zehn Prozent) und Südeuropa (neun Prozent) als bedeutendste Exportmärkte innerhalb der Europäischen Union genannt.

Einen Sonderfall nimmt Großbritannien ein. Zwar nennen in der IHK-Analyse nur sieben Prozent der Unternehmen am Mittleren Niederrhein das Vereinigte Königreich als wichtigste Exportregion. Allerdings dürfte der Brexit spürbare Auswirkungen haben. Eine Befragung von Betrieben im IHK-Bezirk, die zum Jahreswechsel 2018/19 durchgeführt wurde, ergab, dass ein Drittel – insbesondere Großhändler und Industrie – negative Effekten durch den Brexit befürchten.

Zu rechnen ist zudem mit mittelbaren Auswirkungen. So hatte Paul J. J. Welfens, Wirtschaftsprofessor an der Universität Wuppertal und Autor des Buches „Brexit aus Versehen“, kürzlich im Interview mit unserer Redaktion vor den Auswirkungen des Brexit auf die Niederlande und Belgien gewarnt. Ein harter Brexit würde dort mit Verzögerung zu einem spürbaren Wirtschaftseinbruch führen. Daher müsse der Mittelstand hierzulande „Anpassungspläne für eine Rezession in den Niederlanden und Belgien“ entwickeln. Und da gilt: Ein Wirtschaftseinbruch in den beiden Nachbarländern würde nicht an der Grenze Halt machen.

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