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Rhein-Kreis Neuss: Von der Gründung 1975 bis zum Strukturwandel heute

75 Jahre Rheinische Post : Stadt + Land + Fluss = Kreis

Mit der Rheinischen Post, die 2021 ihr 75-jähriges Bestehen feiert, blickt unsere Zeitung zurück auf Ereignisse, die unsere Region in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben. Die Gründung des Kreises Neuss 1975 ist dabei von zentraler Bedeutung – nicht nur mit vielfältigen Wirkungen in der Vergangenheit. Entwicklung, Fortschritt, Wandel waren und sind heute mehr denn je Zukunftsaufgaben, die in der Kreisgemeinschaft bewältigt werden müssen.

Es war eine schwere Geburt. Als der heutige Rhein-Kreis Neuss, damals noch ohne „Rhein“ im Namen, am 1. Januar 1975 das Licht der Welt erblickte, war es ein Kampf, ein Akt der Schmerzen und auch ein Tag des Verlustes. Das Kind war noch nicht ganz auf der Welt, da war es bereits umstritten und mancherorts geradezu verrufen: „Zwangsgemeinschaft“, „Kunstprodukt“! Ein guter Start sieht anders aus. Dabei wollten die Eltern – eine Patchwork-Familie aus Landesregierung und Mehrheit im Landtag – eigentlich nur das Beste. Heißt in diesem Fall: Die im Wesentlichen noch auf das 19. Jahrhundert zurückgehende Gemeindestruktur mit vielen kleinen Kommunen in NRW reformieren und so moderne, zukunftsorientierte Strukturen schaffen.

Das Ergebnis überzeugt zwar rückblickend in vielerlei Hinsicht, der Schnitt, den die Geburtshelfer im heutigen Rhein-Kreis setzten, war jedoch tief und hinterließ eine Wunde, die mancherorts noch heute schmerzt. Wenn sich etwa die Bürgermeister aus der 155.000-Einwohner-Stadt Neuss beim Städtetag neben Amtskollegen aus Kleinstädten wiederfinden und daneben „Oberbürgermeister“ aus Süddeutschland sitzen, deren Kommunen gerade einmal 20.000 Menschen zählen, dann kratzt das nicht nur am Ego der Amtsträger, sondern auch dem der Neusser an sich. „Größte kreisangehörige Großstadt Deutschlands“ ist zwar auch ein Titel, aber eben kein schöner...

Zähneknirschen gab es 1975 aber nicht nur in Neuss. Viele kleinere, früher selbständige Gemeinden verloren diesen Status, so zum Beispiel der heutige Neusser Stadtteil Holzheim. Im Fall von Meerbusch wiederum war sogar die Existenz der Stadt selbst und ihre Zugehörigkeit zum Kreis Neuss hart umkämpft. Bis vor das Landesverfassungsgericht ging der Streit, denn eigentlich hatte der Landtag beschlossen, das Gebiet der Kommune zwischen Düsseldorf, Krefeld und Neuss aufzuteilen.

Das Land an Rhein und Erft – einerseits Jahrtausende alte Kulturlandschaft und schon zu Römerzeiten Ort kultivierter Lebensart, andererseits aber immer wieder geprägt von Umbrüchen: Im Jahr 1816 entstanden in der preußischen Provinz Jülich-Kleve-Berg der Landkreis Neuß (damals noch mit „ß“ geschrieben) und der Kreis Grevenbroich. 1913 war die Stadt Neuss kreisfrei. 1929 wurden die Kreise Grevenbroich und der restliche Kreis Neuss (ohne die kreisfreie Stadt Neuss) zusammengefasst. So entstand der Landkreis Grevenbroich-Neuß. Hinzu kamen die Gemeinden Kleinenbroich, Korschenbroich, Liedberg und Pesch aus dem früheren Landkreis Gladbach. 1946 wurde daraus der Kreis Grevenbroich. Vor inzwischen 46 Jahren dann stand mit der Kommunalen Neugliederung die nächste Reform an: Die bis dahin kreisfreie Stadt Neuss wurde in den neuen Kreis eingegliedert und gleichzeitig Kreisstadt. Das kommunale Gebilde hieß ab sofort Kreis Neuss. Wesentliche Teile der Kreisverwaltung blieben jedoch in Grevenbroich. Das gilt bis heute unverändert. Auch der Kreistag tagt in Grevenbroich.

2003 schließlich wurde aus dem Kreis der Rhein-Kreis Neuss. Der Kreistag hatte die Namensänderung einstimmig beschlossen. Der damalige Landrat Dieter Patt (CDU) lieferte die Begründung, die schon darauf hindeutet, dass das Kind mit der schwierigen Geburt, das nach 28 Jahren noch einmal den Namen wechselte, irgendwie doch seinen Weg gemacht hat: „Wir haben das größte Wirtschaftswachstum unter allen Städten und Gemeinden in NRW, und wissenschaftlich wird uns bundesweit ein Spitzenplatz bei der Lebensqualität bescheinigt.“ Für Standortmarketing und Wirtschaftsförderung sind das bis heute unverändert die schlagenden Argumente, wenn es darum geht Menschen und Unternehmen für den Rhein-Kreis zu begeistern. Mit dem Rhein als Deutschlands bekanntestem Bezugspunkt und Hauptentwicklungsachse Europas im Namen sollten diese guten Botschaften weltweit vermarktet werden.

In Zusammenarbeit mit Design-Professor Wilfried Korfmacher aus Meerbusch wurden der neue Name und ein passendes Logo für den „Rhein-Kreis Neuss“ entwickelt. Die Idee: Stadt + Land + Fluss = Kreis. Dabei steht der „Rhein“ im Namen nicht für Folklore, so Korfmacher, sondern für das Kommunikationskonzept, für Sprachfluss, Kommunikationslust, Gastfreundschaft und Weltoffenheit.

Aus dem umstrittenen, manchmal ungeliebten Kind ist – allen, manchmal fast schon nach Folklore klingenden kritischen Stimmen zum Trotz – eine vorzeigenswerte und stolze Erscheinung geworden. Nicht nur weil sie in der Region als Lokomotive des Wirtschaftswachstums glänzt, sondern auch weil das Kreisbewusstsein gewachsen ist und das „Kunstprodukt“ für die weitaus meisten heute einfach Heimat ist.

Die Kirchtürme zählen noch immer viel, die Mobilität im Rhein-Kreis jedoch ist groß. Wohnen, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Schule sind Faktoren, die die Menschen in Bewegung bringen und den gesamten Kreis als Heimat erleben lassen. Der Rhein-Kreis soll mehr als eine Verwaltungseinheit sein, diesem Ziel fühlte sich von Beginn an auch unsere Zeitung verpflichtet. „Die führende Tageszeitung im wirtschaftsstarken Rhein-Kreis Neuss“ – das ist seit Jahrzehnten nicht nur ein Slogan. Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung bildet mit ihrem Erscheinungsgebiet die Klammer für sieben Städte und eine Gemeinde unter dem Dach eines der bevölkerungsreichsten Kreise Deutschlands. In Neuss, Grevenbroich, Dormagen, Meerbusch, Kaarst, Jüchen, Korschenbroich und Rommerskirchen sind immerhin mehr als 450.000 Menschen zu Hause.

Kein Wunder, dass sich der Rhein-Kreis zwar gern als Scharnier zwischen den Metropolen Düsseldorf und Köln bezeichnet, gleichzeitig aber auch für sich reklamiert, auf Augenhöhe mit seinen Nachbarn zu agieren. Wirtschaftliche Stärke und vielfach bescheinigte hohe Lebensqualität sind die Basis für dieses Selbstbewusstsein. Rund 28.000 Betriebe aller Größen und Branchen haben ihren Firmensitz im Rhein-Kreis. Dazu gehören große Industriebetriebe wie Bayer im Chempark Dormagen oder die großen Aluminiumwerke in Neuss und Grevenbroich, vor allem aber ein starker Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft. Das macht den Kreis deutlich weniger krisenanfällig als andere Regionen.

Hat sich der Rhein-Kreis lange als „Energie-Kreis“ verstanden, geprägt durch Tagebau, Kraftwerke und energieintensive Industrie, steht er jetzt, den Ausstieg aus der Braunkohle vor Augen, vor der Aufgabe, sich in Teilen neu zu erfinden. Der Strukturwandel trifft nicht nur Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen, die Kommunen direkt am Tagebau und den Kraftwerken, er beeinflusst den Rhein-Kreis insgesamt.

Klima, Mobilität, Bevölkerungsentwicklung, Wohnungsbau, Umbau der Wirtschaft, Standortmarketing in der globalisierten Welt – das sind Aufgaben, die Kommunen nicht alleine lösen können. Und auch der Kreis braucht Verbündete, alte und neue: Die entsprechenden Strukturen entstehen gerade. Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier – sechs Kreise, 65 Städte und Gemeinden, 2,4 Millionen Einwohner – gehört dazu, ebenso, noch eine Nummer größer, die Metropolregion Rheinland mit ihren elf Städten, zwölf Kreisen und einer Stadtregion. Auch keine leichte Geburt, aber das muss ja nichts heißen. Siehe oben.