Rhein-Kreis Neuss auf der Expo Real 2019: Bauen für den Klimaschutz

Rhein-Kreis Neuss auf der Expo Real 2019 : Bauen und Logistik für den Klimaschutz

Auch der Rhein-Kreis will mit nachhaltigen Gewerbe- und Wohnprojekten punkten – auch zum Nutzen für die breite Bevölkerung.

Leuchtendes Orange ist seit Jahren die Farbe, mit der die Messebauer bei der Expo Real in München die Aufmerksamkeit auf den Mittleren Niederrhein ziehen. Ginge es nach den aktuellen Schwerpunktthemen, müsste in diesem Jahr umgestrichen werden: Grün ist Trend. Das gilt in der Politik wie in der Immobilienbranche. Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde, dafür stehen auch zahlreiche Projekte und Ideen, für die Kommunen aus dem Rhein-Kreis Neuss Investoren suchen:


„Grünes“ Gewerbegebiet in Kaarst

Bürgermeisterin Ulrike Nienhaus wirbt bei der Expo Real für Gewerbeflächen rund um das neue Ikea-Haus, das bereits für sich in Anspruch nimmt, in puncto Nachhaltigkeit Welt-Maßstäbe zu setzen. Mehr Grün, mehr ÖPNV, mehr soziale Infrastruktur mit Erholungsflächen, aber auch naturnah arbeitenden Kitas, alles das macht das Gewerbegebiet „Kaarster Kreuz“ besonders. Nienhaus möchte Dienstleister, IT- und Kommunikationsunternehmen, aber auch Medizintechnik-Firmen und Handwerkerhöfe ansiedeln. Unterstützung kommt vom Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein, Jürgen Steinmetz: „Kaarst ist einmal mehr am Puls der Zeit“. Das Projekt habe Vorbildcharakter. Eine Studie der IHK habe ergeben, dass für 90 Prozent der Unternehmen Nachhaltigkeit eine große Bedeutung habe. „Nachhaltigkeit wird immer mehr zum wichtigen Imagefaktor. Kaarst hat dafür ein zukunftsweisendes Angebot“, sagt Steinmetz

Rommerskirchen: Klimaschutz für alle

Gleiches Outfit: Angelika Mielke-Westerlage (l.) und Ina Scharrenbach. Foto: Frank Kirschstein

Klimaneutrales Bauen und Wohnen dürfen nicht länger Luxus sein, sondern sollen auch für Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen erschwinglich sein, das hat sich Rommerskirchens Bürgermeister Martin Mertens mit der Klimaschutzsiedlung „Im Kamp“ in Widdeshoven vorgenommen. Auf dem 2,3 Hektar großen Gebiet könnten in zwei bis drei Jahren rund 150 Menschen in frei finanziertem, aber auch – und das ist neu – in gefördertem, bezahlbaren Wohnungsbau leben. „Wohnen der Zukunft“ nennt Mertens das Projekt und versteht darunter mehr als „nur“ klimagerechtes Bauen von Häusern, die im Zweifel nicht nur keine Energie verbrauchen, sondern sogar noch welche produzieren. Ebenso wichtig sei die soziale Komponente mit interkulturellem Garten, Natur-Kindergarten und Dorfcafé, keine simple „Siedlung“ alten Schlags eben, sondern ein Ort zum Zusammenleben. Erste Investoren hätten, so Mertens, bereits Interesse bekundet. Wird das Projekt „Im Kamp“ ein Erfolg, könne es als „Blaupause“ für weitere Wohnbauprojekte dienen. Vor fast genau einem Jahr hatte dazu NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach mit Mertens eine Zielvereinbarung für die geplante Entwicklung des Bereichs Giller- und Bergheimer Straße zu einem neuen Wohngebiet unterzeichnet. Auf einer Fläche von 8,5 Hektar sollen mehr als 200 Wohneinheiten entstehen, 30 Prozent davon gefördert.

Ministerin: Region ist Motor für NRW

Bei der Auftaktrunde mit den Oberbürgermeistern und Landräten lobte Scharrenbach den Mittleren Niederrhein als Motor für wirtschaftliche Entwicklung und Innovation in NRW: „Und ich bin überzeugt, dass dieser Motor in Zukunft noch schneller fährt.“ Wie im Beispiel Rommerskirchen wolle das Land die Kommunen vielfältig unterstützen, etwa mit Maßnahmen, die Planungsprozesse verkürzen oder einem Pool von Fachleuten, die den Planungsämtern der Kommunen helfen könnten. Landrat Hans-Jürgen Petrauschke drängte ebenfalls auf beschleunigte Verfahren, nicht nur für den Wohnungsbau, sondern auch für die Ansiedlung neuer Gewerbebetriebe: „Die brauchen wir, um den durch den Kohleausstieg drohenden Strukturwandel zu meistern.“ Die Voraussetzungen für Investoren seien günstig. Interessante Flächen auf Kraftwerks- oder Tagebaugelände stünden zur Verfügung, auch für „echte“ Industrie, die anderswo nur noch schwer anzusiedeln sei. „Hätten wir möglichst bald Mobilfunk mit 5G-Standard, Glasfaser plus gute Straßen und Schienenverbindungen, dann werden wir für Investoren extrem attraktiv.“

Mikro-Depots für die „letzte Meile“

Verkehr und Klimaschutz sind auch die Stichworte für ein weiteres Projekt, das die Städte Neuss, Mönchengladbach und Krefeld mit der IHK und dem Beratungsunternehmen agiplan vorstellten. Das Ziel: In den Innenstädten könnte so genannte Mikro-Depots dafür sorgen, dass jährlich rund 500.000 Pakete für jeweils 40.000 bis 50.000 Menschen in einem Radius von zwei Kilometern künftig mit Lastenrädern oder Elektrokleinstfahrzeugen zugestellt werden. Lkw und Kleintransporter der bekannten Paketdienste würden statt der eigentlichen Zieladressen nur noch das Mikro-Depot ansteuern. Von dort aus ginge es dann umweltfreundlich weiter zum Empfänger. Kein unnötiger Aufwand, sondern nicht weniger als der Versuch, die Innenstädte vor dem Verkehrsinfarkt und noch mehr Luftverschmutzung zu retten. So argumentiert Christian Jacobi vom Beratungsunternehmen agiplan, das im Auftrag der IHK ein Handbuch zur Einführung der Mikro-Depots entwickelt hat. Bundesweit, so Jacobi, werden derzeit rund 3,5 Milliarden Sendungen pro Jahr verschickt und ausgeliefert. In den kommenden sechs Jahren soll sich diese Zahl um noch einmal eine Milliarde erhöhen. „Das ist mit den heutigen Logistik-Strukturen nicht mehr abzuwickeln“, sagt Jacobi. Neben der zusätzlichen Verkehrsbelastung nimmt er auch die Folgen für die Umwelt in den Fokus: Zwar mache der Wirtschaftsverkehr in den Innenstädten nur zehn Prozent des Gesamtverkehrs aus, diese zehn Prozent erzeugten aber mehr als 30 Prozent der Stickoxid-Emissionen. Die Schlussfolgerung für Jacobi: „Was wir an traditionellem Lieferverkehr sparen, schlägt sofort positiv auf die Umweltbilanz durch.“ In einem bundesweit einzigartigen Projekt soll in Neuss, Krefeld und Mönchengladbach nun ausprobiert werden, wie es anders geht.

IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz stellt für diese zweite Projektphase eine erneute Förderung durch das NRW-Verkehrsministerium in Aussicht. Als nächstes müssen geeignete Immobilien – 150 bis 200 Quadratmeter plus Hof und Laderampe – als Standorte gefunden werden. Außerdem ist noch nicht geklärt, wie genau sich die Mikro-Depots finanzieren sollen.

Bei aller Begeisterung über das Projekt, so Bürgermeister Reiner Breuer aus Neuss, dürften die Kosten nicht bei den Städten hängenbleiben. Sein Amtskollege Frank Meyer aus Krefeld würde gern auch den örtlichen Einzelhandel noch stärker eingebunden sehen: „Unternehmen, die bei uns Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen.“

Jacobi und Steinmetz halten beides für lösbar. Die Paketdienstleister, so die Idee, sollen für die Nutzung der Mikro-Depots mitbezahlen. Mit dem örtlichen Einzelhandel sei man bereits im Gespräch. Die Chancen, dass Pakete auf der „letzten Meile“ bald per Muskelkraft anstatt per Diesel zugestellt werden, stünden gut.

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