Rhein-Kreis: Ausstellung im Kulturzentrum Sinsteden über Kunstskandale

Ausstellung im Rhein-Kreis : Wie Kunst-Skandale das Bild veränderten

Kunst hat immer wieder das Wertesystem der Gesellschaft durcheinander gebracht. Das zeigt eine Ausstellung in Sinsteden.

Kunstwerke gibt es auch zu sehen – wenn auch nur als Nachdruck –, aber mehr geht es der Kuratorin, Kunsthistorikerin und zugleich Leiterin des Kreiskulturzentrums Sinsteden, Kathrin Wappenschmidt, um das, was diese Kunst einst angerichtet hat. Für einen Skandal hat fast jedes Exponat der Schau „Geliebt – gehasst – verhöhnt! Wertewechsel und Skandal in der Kunst“ zu seiner Zeit gesorgt. Dafür hat sich Wappenschmidt tief in die Geschichte zurückbegeben und auch die Verantwortlichen des Netzwerks Niederrhein so überzeugt, dass diese die Sinstedener Schau als Bestandteil des grenzüberschreitenden Museumsthemas „Neuland – Terra incognita“ aufgenommen haben.

„Das Thema Braunkohle und Wandel der Region kam nicht so gut an“, erzählt Wappenschmidt schmunzelnd, aber der zweite Vorschlag zum Wertewechsel in der Kunst sei sofort angenommen worden. Kein einfaches Unterfangen für die Kunsthistorikerin, die sich zusammen mit ihrem Team erst mal Gedanken zu den Kriterien machen musste. „Klar war, dass wir den Tierschutz ernst nehmen, die Menschenrechte achten und Gewalt in jeder Form ablehnen“, sagt sie. Darstellungen, die dem nicht entsprachen, landeten sofort auf der „No go“-Liste.

Was also bleibt, um zu zeigen, dass es viele Beispiele in der Kunst gibt, die den Blickwinkel der Betrachter öffneten, neue Wege aufzeigten und gerade deswegen oft zu ihrer Zeit abgelehnt wurden? Zeichnungen von Henri Daumier nehmen den Betrachter schon im ersten Raum mit in „Guck“-Situationen eines Kunstpublikums, das oft genug nur tut, als ob es was versteht. Daumier hat diesen Besuchern bitterböse Physignomien verliehen, seine Zeichnungen führen fast übergangslos zu heutigen Größen der Kunst, die zu ihrer Zeit  verdammt wurden: etwa Edouard Manets „Frühstück im Grünen“ von  1863 mit einer nackten Frau und Eugène Delacroix’ Darstellung der Französischen Revolution mit einer barbusigen Marianne.

Botticelli, Michelangelo, Rodin, Rückriem sind weitere Ikonen der Kunstgeschichte, die gleichwohl jeweils damit leben mussten, einen Sturm der Entrüstung erlebt zu haben. Botticelli mit seinem Gemälde  „Geburt der Venus“ (1484–85), das als erster weiblicher Akt gilt, Michelangelo mit seinen ursprünglich nackten Männern in der Sixtinischen Kapelle, denen ein anderer Künstler Tücher um die Hüften malen musste. Rodin mit seinem Denkmal für die „Bürger von Calais“, die im 14. Jahrhundert dem englischen König als Geiseln übergeben wurden, aber von ihm nicht so heroisch geschaffen wurden, wie die Stadtoberen sich das gedacht hatten. Oder in der Neuzeit Ulrich Rückriem, der für seine Arbeit bei der ersten „Skulptur Projekte“ in Münster 1977, eine Dolomit-Wand an der Petrikirche, heftig gescholten wurde. Wie schnell kann eine Ausstellung mit diesem Aspekt überlaufen – aber das hat die Kuratorin vermieden.

Weil oft die Geschichte hinter dem Bild erst die Genese erzählt, warum und wieso es für Zäsuren in der Kunstbetrachtung sorgte, sind die Texte nicht von den Bildbeispielen zu trennen. Sie sind informativ und ein Muss, wenn man dem Skandal in der Kunst auf die Spur kommen will. Das gilt auch für die Benetton-Werbung und dem jüngst schnell wieder abgebauten Standbild vor dem Staatstheater Wiesbaden.

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