Niederrhein: Standort für Industrie und Logistik

Rhein-Kreis Neuss auf der Expo Real : „Wir Niederrheiner heißen die Welt willkommen“

Logistik bleibt eine Zukunftsbranche, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. Auch Industrieflächen seien wieder gefragt.

Herr Steinmetz, Politik und Wirtschaft im Rhein-Kreis Neuss ringen mit Blick auf das Ende des Braunkohletagebaus um den richtigen Kurs für den Strukturwandel. Worauf sollten die Kommunen beim Versuch, neue Unternehmen anzusiedeln, achten?

Jürgen Steinmetz Ich plädiere dafür, gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu schaffen. Unternehmen werden sie nutzen. Dazu gehört insbesondere die Ausweisung neuer Gewerbegebiete, eine noch bessere Verkehrsinfrastruktur und schnelle Internetverbindungen in den Gewerbegebieten. Zudem braucht es mehr direkte Ansprechpartner für das Thema Wirtschaft in den Verwaltungen, gute Bildungseinrichtungen mit Berufskollegs, Akademien und Hochschulen sowie wettbewerbsfähige Steuersätze. Wenn man die Rahmenbedingungen weiter optimiert, haben alle Standorte im Rhein-Kreis Neuss aufgrund der exponierten Lage die Chance, steuer- und beschäftigungsstarke Unternehmen an den Standort zu holen.

Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer IHK Mittlerer Niederrhein. Foto: IHK

Wie beurteilen Sie die Kohlekommission?

Steinmetz Die Aufgabe der Kohlekommission ist nur schwer zu lösen. Vor allem unsere energieintensiven Unternehmen benötigen Versorgungssicherheit und Preisstabilität. Wenn das nicht gewährleistet ist, gefährdet ein früherer Ausstieg aus der Braunkohle eine Vielzahl von Arbeitsplätzen und schadet unserer Region. Gleichzeitig müssen wir die Energiewende vorantreiben und die erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Ich setze auf die Vernunft der Beteiligten.

RWE und Duisport wollen gemeinsam mit Grevenbroich und Jüchen ein großes Industrie- und Logistikgebiet entwickeln. Wie bewertet die IHK das Projekt?

Steinmetz In der Region fehlen kurzfristig mobilisierbare Logistikflächen. Deshalb ist das eine sehr gute Nachricht für unseren Wirtschaftsstandort. Das Areal ist eine unserer Premiumflächen, die die IHK Mittlerer Niederrhein gemeinsam mit dem Rhein-Kreis Neuss in der Studie zu Flächenpotenzialen in der Logistikregion Rheinland vorgeschlagen hat. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass das Areal als „überregional bedeutsame Fläche“ in den Regionalplan aufgenommen wird. Das bedeutet, dass eine schnelle Umsetzung in das notwendige Planungsrecht möglich ist. Das Joint Venture ist ein wichtiger Schritt zur Realisierung dieses Gewerbe- und Industriegebietes mit angeschlossenem Containerterminal.

Das neue Industrie- und Logistikgebiet ist ein Beispiel für ein interkommunales Gewerbegebiet, wie es etwa mit dem Regiopark Mönchengladbach/Jüchen bereits floriert. Weitere Projekte sind in Planung, zum Beispiel von Dormagen und Neuss am „Silbersee“. Anderenorts, wie bei der Planung für das Gewerbegebiet von Meerbusch und Krefeld an der Autobahn 44, geht es nur langsam vorwärts.  Was raten Sie Kommunen, um die Potenziale ihrer Flächen an den Gemeindegrenzen optimal zu nutzen und den Bedarf von Industrie und Gewerbe befriedigen zu können?

Steinmetz Auch für Unternehmensstandorte gilt die Immobilienweisheit „Lage, Lage, Lage“. Insofern sind die Kommunen gut aufgestellt, die Flächen für die unterschiedlichen Bedürfnisse zur Verfügung stellen können. Die Frage, welche Flächen die Wirtschaft aktuell in der Region nachfragt, kann durch eine strategische Marktbeobachtung beantwortet werden. So erhalten Kommunen durch Besuche und Gespräche auf Messen wie der Expo Real einen guten Einblick in die Nachfragesituation. Auch eine regelmäßige Medienrecherche und gezielte Ansprache von Unternehmen hilft, Kenntnisse über die Bedürfnisse der Wirtschaft zu gewinnen. Wir sehen derzeit, dass in unserer Region die Nachfrage nach echten Industriegebieten steigt. Diese Flächen werden sowohl von Logistikbetrieben benötigt, aber auch zunehmend von Produktionsbetrieben, die am jetzigen Standort keine Expansionsmöglichkeiten mehr haben.

Die Logistikbranche ist – etwa mit dem Neusser Hafen – im Rhein-Kreis traditionell stark vertreten – und wächst ständig weiter. Was entgegnen Sie Kritikern, die Logistikansiedlungen vor allem mit hohem Flächenverbrauch bei vergleichsweise wenig neuen Arbeitsplätzen in Verbindung bringen?

Steinmetz Pauschale Urteile lehne ich ab. Logistik ist ein Beschäftigungsmotor. Von 2008 bis 2017 sind in der Region 10.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im Wirtschaftszweig „Verkehr und Lagerei“ entstanden – ein Anstieg um mehr als 50 Prozent. Nichtsdestotrotz lohnt natürlich bei jeder Neuansiedlung eine Analyse, wie viele Arbeitsplätze dadurch geschaffen werden. Die Logistikbranche erfüllt aber auch eine wichtige Funktion als Teil der Wertschöpfungskette für die Industrie und den Großhandel. Auch dies ist zu berücksichtigen.

Die Industrie- und Handelskammern engagieren sich in der 2017 gegründeten Metropolregion Rheinland. Welche konkreten Fortschritte sehen Sie mit Blick auf einen gemeinsamen Auftritt zur Entwicklung des Wirtschaftsstandorts in der Region?

Steinmetz Die Metropolregion hat inzwischen ihre erste Auslandspräsentation anlässlich einer Digitalkonferenz in Tel Aviv durchgeführt. Das hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt und eine tolle Resonanz gefunden. Weitere Veranstaltungen sind in Vorbereitung, insbesondere ein Parlamentarischer Abend in Berlin zum Thema Infrastruktur und Verkehr: „Das Rheinland im Herzen Europas – Mobilität zukunftssicher ausbauen“. Darüber hinaus wird der Zusammenhalt im Rheinland unter anderem durch gemeinsame Stellungnahmen und Positionspapiere und durch bürgernahe Themen wie den Rheinischen Kultursommer gestärkt.

Bei der Messe Expo Real in München ist die IHK erneut Partner am Gemeinschaftsstand der Standort Niederrhein GmbH. Welche Themen sind Ihnen in diesem Jahr besonders wichtig?

Steinmetz Mit besonderem Interesse verfolgen wir die Entwicklungen auf den vier sogenannten Premiumflächen Mönchengladbach/Viersen „Mackenstein“, Dormagen/Neuss „Silbersee“, Grevenbroich/Jüchen „A 540“ und Niederkrüchten-Elmpt, die wir in der bereits erwähnten Studie vorgeschlagen haben. Deren Entwicklungen nehmen jetzt richtig Fahrt auf. Auch die Reaktivierung ehemals industriell genutzter Flächen ist für uns wichtiges Thema. Wir haben in unserem IHK-Bezirk gute Beispiele für gewerbliche Folgenutzungen, die gerne auch von der Start-up-Szene genutzt werden. Der ehemalige Standort von Ikea in Kaarst kann zum Beispiel ein weiteres Leuchtturmprojekt in unserer Region werden.

Die Metropolregion Rheinland ist auf der Expo Real im Gegensatz zur Metropole Ruhr für den Besucher als konzentrierter, abgestimmter Auftritt nicht zu erkennen. Die Mitgliedsstädte und Regionen agieren selbstständig. Ist das Strategie oder ein Manko?

Steinmetz Die Metropolregion Rheinland ist angetreten, um im globalen Wettbewerb um Menschen, Ideen, Ansiedlungen und Investitionen eine herausragende Rolle zu spielen. Dieses Ziel haben sich die Partner bei der Gründung im vergangenen Jahr gesetzt. Das umzusetzen braucht Zeit. Wir befinden uns in einem Entwicklungsprozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Hier gilt es noch einiges zu tun und alle Beteiligte sind aufgefordert, sich engagiert einzubringen.

Bei der Expo Real setzt sich in diesem Jahr der Trend fort, dass neben Gewerbe-Projekten immer mehr auch der Wohnungsbau in den Fokus rückt. Hat die Region Nachholbedarf?

Steinmetz Nach dem aktuellen Wohnungsmarktbarometer der NRW-Bank hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt in NRW weiter verschärft. Dabei fällt auf, dass die Experten insbesondere die Lage an der Rheinschiene aktuell als sehr angespannt bewerten. Allgemein wird in NRW die Baulandknappheit als größtes Hemmnis beim Wohnungsneubau angeführt. Diesem Hemmnis können und werden die Kommunen in unserer Region sicherlich entgegentreten, indem sie die Potenziale des neuen Regionalplans Düsseldorf nutzen.

Was halten Sie von der derzeit in der Politik intensiv diskutierten Idee, mit Hilfe kommunaler Wohnungsbaugesellschaften mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?

Steinmetz Aufgabe der Kommunen ist es, Daseinsvorsorge für die Bürger zu betreiben. Dies gilt auch für die kommunalen Gesellschaften. Kommunale Wohnungsbaugesellschaften sollten dann einspringen, wenn der Markt in unserer Region seine Aufgabe nicht erfüllt.

Ein Investor, zum Beispiel aus Asien, ist auf der Suche nach einem neuen Standort in Europa. In drei Sätzen auf den Punkt gebracht: Warum ist Ihr IHK-Bezirk erste Wahl?

Steinmetz Der Mittlere Niederrhein liegt im Herzen Europas und ist dank seiner Nähe zu den internationalen Flughäfen, der Nähe zu den Häfen sowie aufgrund des gut ausgebauten Autobahn- und Schienennetzes ein idealer Standort für ausländische Unternehmen, die hier auf einen großen Markt treffen. Gut ausgebildete Fachkräfte sichern den Unternehmenserfolg in unserer Region. Die Lebensqualität stimmt, wir Niederrheiner heißen die Welt willkommen.

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