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Rhein-Kreis Neuss: "Neuss bleibt starker Lebensmittel-Standort"

Rhein-Kreis Neuss : "Neuss bleibt starker Lebensmittel-Standort"

Die NGG Krefeld-Neuss hat ihren Vorstand neu aufgestellt, mit zwei Neussern an der Spitze. Für sie steht vor allem der Mindestlohn im Fokus.

Herr Zorn, Herr Krüll, die NGG Krefeld-Neuss hat nun zwei Neusser an der Spitze. Ist das ein Verweis auf die Stärke des hiesigen Standorts?

Andreas Zorn Auf jeden Fall, weil wir hier eine starke Region sind, vor allem in Neuss, wo wir viele aktive Mitglieder haben.

Ist Neuss noch die "Food-City"?

Helmut Krüll Auf jeden Fall. Die Lebensmittelwirtschaft hat hier eine große Bedeutung, mit einem starken Schwerpunkt auf der industrieellen Produktion. Es ist ein wichtiger Standort.

Und die NGG ist ein wichtiger Gesprächspartner — die in der Region als streitbar gilt.

Krüll Wir müssen streitwillig sein, gerade in schwierigen Branchen wie im Hotel- und Gaststättengewerbe oder im Bäckereihandwerk. Dort wird immer wieder versucht, die Löhne zu drücken. Und das schauen sich die Arbeitgeber in der Industrie leider ab — da müssen wir lautstark gegensteuern.

Auch mit Warnstreiks, wie im vergangenen Jahr bei den Ölmühlen?

Zorn Ich muss ganz ehrlich sagen: Spaß machen uns Streiks sicherlich nicht. Das sind Auseinandersetzungen, die vor allem die Arbeitnehmer erst einmal ertragen müssen. Vielen Streikenden fällt es überhaupt nicht leicht, die Arbeit zu verweigern und vor der Türe des Unternehmens Flagge zu zeigen — das kostet sie Überwindung. Es ist mir viel lieber, am Verhandlungstisch Streitpunkte zu klären, als in eine offene Konfrontation zu gehen. Andererseits sind wir hier in der Region gut organisiert. Und das heißt: Die Kolleginnen und Kollegen sind streikbereit und wissen, dass sie ein Recht auf Streik haben.

Wie viele Mitglieder hat die NGG-Krefeld-Neuss?

Krüll Sie hat über 4300 Mitglieder. Seit fünf Jahren haben wir steigende Mitgliederzahlen, darauf sind wir stolz.

Wie wirbt die NGG um neue Mitglieder?

Krüll Junge Leute informieren wir bereits an den Berufsschulen über unsere Arbeit, auch in den Betrieben sind wir nah an den Auszubildenden dran, führen viele Gespräche. Zorn Wir haben außerdem gute Argumente. Denn eins ist klar: Ein einzelner Arbeitnehmer kann niemals Forderungen stellen, stets bleibt er ein Bittsteller. Wer sich aber solidarisiert und Gewerkschaftsmitglied wird, der findet durch die Gruppe Gehör. Lohnforderungen sind das gute Recht jedes Arbeitnehmers. Doch wer sie alleine aufstellt, der stößt schnell an Grenzen.

Ein großes Thema ist für Sie der Mindestlohn.

Krüll Vor allem, weil die NGG auch für Branchen abseits der Industrie zuständig ist, etwa für das Hotel- und Gaststättengewerbe, wo Löhne von 4,50 Euro nicht selten sind. Hinzu kommt das Problem der Leiharbeit und der Werkverträge, mit denen deutsche Firmen Subunternehmer, etwa aus Rumänien, engagieren. Die holen dann Arbeitnehmer aus dem Ausland, die für einen Stundenlohn von zwei Euro arbeiten. Das geht gar nicht.

Welcher Mindestlohn ist gerecht?

Zorn Unsere Forderung liegt bei 8,50 Euro. Doch ich gehe weiter: Für ein würdevolles Leben ist ein Stundenlohn von zehn Euro notwendig. Wir haben deutschlandweit vier Millionen Aufstocker, die neben dem Lohn Hartz IV beziehen — das darf doch nicht sein.

Herr Zorn, in Ihrer Antrittsrede als NGG-Regionsvorsitzender haben Sie von Herausforderungen gesprochen, die auf die Ernährungsindustrie zukommen. Welche sind das?

Zorn Mich stört vor allem, dass die Verbraucher ein verzerrtes Bild dieses Wirtschaftszweigs haben. Sicherlich ist nicht alles richtig, was die Ernährungswirtschaft macht, aber es gibt hier zu viele Vorurteile. Die Hygiene- und Sicherheitsstandards in der Produktion sind sehr hoch, die Lebensmittel, die wir herstellen, sind einwandfrei. Das müssen die Betriebe besser kommunizieren, und dabei müssen sie auch aufhören, die Produktionsprozesse zu beschönigen. Denn Schokolade wird nicht in einer heimeligen Werkstatt hergestellt, wie es die Werbung den Verbrauchern vorgaukelt. Über Jahrzehnte hat sich die Industrie in ihrem Schneckenhaus versteckt — dabei hat sie dafür gar keinen Grund. Denn wie wir Lebensmittel produzieren, ist spannend. Daher plädiere ich dafür, dass sich die Betriebe mehr für die Öffentlichkeit öffnen.

Mehr Transparenz wird auch bei der Verpackung von Lebensmitteln gefordert. Was ist Ihre Meinung zur Ampelkennzeichnung?

Zorn Die Ampel ist keine schlechte Idee, sie hat aber einen Nachteil: sie verallgemeinert. Die rote Warnung sagt dem Verbraucher, dass Fett und Zucker böse sind. Aber die Ampel erklärt nicht, dass erst eine bestimmte Menge dieser Inhaltsstoffe die Gesundheit gefährden. Und seien wir ehrlich: Ohne Zucker oder Fett schmecken bestimmt Lebensmittel einfach nicht. Zum Beispiel hat Thomy mal den Versuch gestartet, Mayonnaise mit deutlich reduziertem Fettanteil zu verkaufen. Klingt super gesund, mir persönlich schmeckt es aber wie ein nasses Stück Papier. Und die Kunden wollten es auch nicht haben. Daher meine ich, dass es statt der Ampel besser wäre, mehr aufzuklären und zu zeigen, dass es bei der Ernährung auf das richtige Maß ankommt.

HANNA KOCH FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(NGZ/rl)